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Vergangenheitsbearbeitung in Batticaloa, Sri Lanka

Aus der Ausgabe Nr. 60 von Broken Rifle im Maerz 2004, die sich mit Vergangeheitsbearbeitung befasste 

Roberta Bacic

WRI hatte bereits im Maerz 2003 Sri Lanka und Batticaloa besucht. Im Nachgang dazu hatten wir beschlossen, einen Prozess der Vergangenheitsbearbeitung mit vom Krieg betroffenen Frauen zu begleiten. Rajan Iruthayanathan organisierte einen Workshop mit einheimischen OrganisatorInnen und AktivistInnen, die die Menschen dort, ihre Geschichte, die oertliche Politik gut kannten. Die Frauen kamen aus zwei Doerfern, in denen fast jede Familie jemand im Krieg verloren hat. In unserem Antrag schrieben wir:

Sie werden eine Foto-Reihe herstellen. Durch diesen Prozess bekommen sie eine klarere Vorstellung von den Dingen, die ihnen eine starke Verbindung mit ihren verstorbenen Verwandten ermoeglichen, und sie werden deren eigene Geschichte als Teil ihres Lebens wertschaetzen, aber nicht als ihre einzige Lebenserfahrung. Diese Selbst-Wissen wird ihnen groesseres Selbstvertrauen und mehr Sinn verschaffen”.

Konkret erhielten die Teilnehmenden nach dem einleitenden Erfahrungsaustausch und dem Erzaehlen ihrer Geschichten eine Einweg-Kamera und wurden gebeten, sich selbst zu fotografieren. Vor dem Workshop hatten die Koordinatoren die Frauen gebeten, Gegenstaende und/ oder Fotos mitzubringen, die mit den Menschen zu tun hatten, die sie verloren hatten. Diese Fotos wurden entwickelt, so dass sie am zweiten Tag zur Verfuegung standen und die Teilnehmenden ihre eigenen Fotos ebenso kommentieren konnten wie die ihrer Mit-Teilnehmenden und ueber die Erfahrungen reflektieren konnten, die sich in der Auswahl des Gegenstands widerspiegelten.

Sie waren dankbar fuer die Moeglichkeit, die Fotos mitzunehmen, als sie nach Hause fuhren, weil sie so ihren Famlien berichten konnten, was sie in den zwei Tagen getan hatten – etwas in ihrem Leben sonst sehr Ungewoehnliches. Vor dem Abschluss des Workshops erhielt jede Frau eine zweite Kamera, die sie mit nachhause nehmen konnte, um ihr Haus, ihre Gemeinschaft und was sie sonst noch in ihrem vergangenen und gegenwaertigen Leben wichtig fand, fotografieren zu koennen.

Der Workshop wuchs ueber das geplante Ergebnis hinaus, als die Fraue vier Beduerfnisse formulierten:

  • Sich einmal monatlich in ihren Doerfern zu treffen
  • Den begonnenen Heilungsprozess weiter zu verfolgen. Sie stimmten darin ueberein, dass es fuer sie sehr wichtig war, dass sie zwischen Weinen, Lachen und Stille wechseln konnten
  • Sie brauchen Ausbildung in Fertigkeiten, ihre wirtschaftliche Eigenstaendigkeit zu gewaehrleisten (z.B. Gefluegelzucht, Gemueseanbau, etc.)
  • Sie wuerden sich gerne, wenigstens einmal pro Jahr, untereinander und mit anderen Gruppen treffen; das boete die Chance einer kurzen Pause weg von Zuhause und die Moeglichkeit, mit sich mit ihresgleichen ueber ihren Alltag und ihre Lebenserfahrungen sowie ihre Bewaeltigungs-Mechanismen auszutauschen.

Folgende Schritte wurden vereinbart:

  • Eine Fotoausstellung der Bilder, die waehrend des Workshops entstanden waren, in den Gemeinschaften, wird geplant

  • Es soll versucht werden, in der ersten Juniwoche einen follow-up workshop zu organisieren, in dem die Fotos, die mit der letzten Kamera gemacht wurden, entwickelt werden und ein Austausch ueber den Prozess seit dem Treffen im Januar stattfinden kann.

  • Es wird eine Ausstellung geplant werden, die einige der Fotos im Saint Ethelburga's Peace and Reconciliation Centre in London zeigt. Dadurch soll diese wichtige Arbeit durch einige Beispiele einer weiteren Oeffentlichkeit zugaenglich gemacht werden, und Mitglieder der Sri Lankischen Gemeinschaft, die im Vereinigten Koenigreich leben, sollen damit in Verbindung gebracht werden. Nach Moeglichkeit soll die Unterstuetzung einiger Personen und Organisationen fuer diese Gruppe gewonnen werden. Wir wuerden gerne die Moeglichkeit haben, wenigstens eine Organisatorin und eine Teilnehmerin aus jedem Dorf nach London einladen zu koennen.

Die Kommentare zu diesem einleitenden Erfahrungsaustausch waren unter anderem:

  • selbst wenn die Fotos ein konkretes Ergebnis dieser Erfahrungen und als solche sehr wertvoll sind, ist dies nicht der Endzweck

  • Fotos zu machen ermoeglicht es den Teilnehmenden, ihre Gefuehle und Erfahrungen auf eine sehr konkrete und kreative Art auszudruecken, ohne gezwungen zu sein, das alles sprachlich auszudruecken.

  • In einigen anderen Programmen/ Projekten wuerde die Nutzung dieser Mittel es ermoeglichen, sich komplexer Themen anzunehmen, die in einfachen Gespreachen schwierig zu bearbeiten sind.
  1. Die Teilnehmenden machten viele positive Anmerkungen und gaben einige Empfehlungen fuer die kuenftige Planung:
  • Erleichterung und etwas Ruhe

  • Es wurde mir klar, dass in den ‘alten Zeiten’ neue Dinge geschehen koennen, dass ich gut lernen kann und das anderen auch mitteilen kann

  • In diesen zwei Tagen wie eine Familie zusammen zu leben, war wirklich unterstuetzend und uns bleibt ein Gefuehl der Zufriedenheit

  • Mich anderen offen mitzuteilen, in Anwesenheit anderer Leute und Frauen, die ich nicht kannte, war sehr wichtig und befreiend

  • Die Fotos ermoeglichen mir und uns, Erinnerungen mit zu nehmen, und diese nach Moeglichkeit auch mit unserer Familie und Gemeinschaft zu teilen, ist sehr wichtig

  • Ich bin sehr zufrieden und gluecklich. Bevor ich hierher kam, habe ich mir grosse Sorgen gemacht, weil ich nie zuvor fuer so lange weg war, aber jetzt bin ich entspannt und werde soviel zu erzaehlen haben und ein echtes Gluecksgefuehl mit zurueck bringen

  • Ich freue mich schon auf das Follow-up

  • Mir ist sehr wichtig gewesen, dass wir nicht befragt wurden, sondern eingeladen waren, uns zu oeffnen und mitzuteilen, was wir wollten und bereit waren, mit anderen zu teilen

  • Ich bin mit einer grossen Last gekommen, und es war schwierig anzufangen, aber ich glaube, dass ich in der Lage war, den Kreislauf von Fragen und Antworten zu durchbrechen, und ich fuehle Frieden in mir. Ich wuerde wirklich gerne weiter machen.

  • Ich glaube, dass ich Mut gewonnen habe und neuen Momenten begegnen kann, ich habe weniger Angst davor, zu weinen und mich mitzuteilen

  • Ich fand es wunderbar, zusammen zu essen und nicht selbst kochen zu muessen. Ich habe es auch genossen, mit einer Frau vor dem Schlafengehen Geschichten auszutauschen

  • Ich habe seit langer Zeit nicht so viel gelacht, aber ich konnte auch weinen, was ich selten tue – und niemals oeffentlich

  • Ich bin dankbar fuer diese Moeglichkeit von Hoffnung und schoenen gemeinsamen Momenten, wir brauchen ein bisschen Freude, wir haben soviel gelitten.