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Erklärung von Andrés Daniel Giraldo (2006)

Andrés Daniel Giraldo wurde am 1. November 2006 illegal zum Militär rekrutiert (siehe co-alert, 2/11/2006), auf dem Weg von Bogota nach Medellin. Er wurde in der gleichen Nacht wieder freigelassen. Dies ist seine Geschichte (Red.)

Der Überlandbus Rapido Ochoa mit dem Ziel Medellín verlässt Bogotá um 21 Uhr. Um 0 Uhr 45 wird der Bus durch Soldaten der Nationalen Streitkräfte des Gemeindebezirks Guadas - Cundinamarca angehalten. Bis 1 Uhr 55 bleiben wir auf der Landstraße, dann heißt uns das Militär, das Infanteriebataillon von Guaduas anzusteuern, wo wir um 2 Uhr 11 ankommen. Wir fragen uns, was nun geschehen wird. Wir sind 13 junge Männer im Hangar und vertreiben uns die Zeit damit, mit unseren Handys zu spielen und Witze zu reißen. Oberleutnant Gomez habe ich meine Stellungnahme als Kriegsdienstverweigerer bereits ausgehändigt.

Truppenbesichtigung um 5 Uhr 20, das Licht geht an und wir sollen uns den Mund waschen. Ein Kavallerist Quintero weist uns an, eine Formation einzunehmen und jetzt warten wir darauf, dass man uns nach Facatativa bringt. Aber es kommt anders: Das Frühstück besteht aus Arepas (Maismehlküchlein) und heißem Kakao, und Oberleutnant Gomez bietet uns einen Tag voller Überraschungen: vom Aufstehen an versorgt er uns mit einem Minifußball, Domino, Tischtennisausrüstung und Kartenspielen. Dazu die ganze Zeit Gelächter und dieser kalte Humor des Militärs, mit Kommentaren wie "Kriegsdienstverweigerer? Ganz ruhig, Kollege, diese Idee vergisst du ganz schnell, wenn du erstmal ein Gewehr in die Hand nimmst und siehst, wie die Patronenhülsen zu Boden fallen, das ist echt ein Gefühl." Lachen von allen Seiten. Als sie sich mich in Uniform vorstellen, ohne Ohrringe, aber mit Waffe, lachen sie noch mehr.

Am Morgen, um 8 Uhr 30, nehmen sie sich ihre Arbeitsanzüge und die Straßenmarkierkegel, um an der Landstraße Posten zu beziehen. Gegen 12 Uhr 30 sind sie zurück und bringen 15 weitere junge Männer mit zum Bataillon. Es wird Fußball gespielt und man erzählt sich Geschichten über das Militär, wie positiv die neue Politik ist, über den guten menschlichen Umgang in der Armee und so weiter. Von uns 28 jungen Männern kommen zwei aus Antioquia, zwei aus Bogotá, zwei aus Huila und 21 aus unterschiedlichen Orten an der Atlantikküste (Valledupar, Barranquilla, Santamarta, Sincelejo). Einer ist ein aus der Guerilla übergetretener Indigener.

Als wir uns in Bewegung setzen, sind wir noch 23: bei fünfen von uns hat sich die Situation anderweitig geregelt. Unter ihnen gibt es einen sehr schönen Fall, den von Tiberio Osorio, ein junger Mann aus Antioquia, der die Schule nur bis zur dritten Klasse besucht hatte. Er war sehr erschrocken, weil dies das erste Mal war, dass er mit seinen 22 Jahren allein aus seinem Dorf herauskam. Er kam aus Bogotá, um im Geschäft seiner Vettern zu arbeiten. Er sagte, "ich weiß nicht, ob ich das aushalte, denn in diesen großen Städten ist man ein Niemand, in meinem Dorf kennt man einen wenigstens. Und wenn ich mich langweile, dann arbeite ich in meinen Kartoffeln und Erdbeeren, aber in der Stadt, was mache ich da?" Jeder, der seine Hände sah, wusste, was er arbeitete und wofür er geschaffen war, und wie schon Don Juan Matus sagte: "Die Tatsachen sind die, die von sich selbst sprechen". Genau das sah auch der Oberleutnant ein, und ließ Tiberio Osorio gehen.

Um 14 Uhr 15 holte uns ein Wagen ab (ein roter Mazda Turbo mit dem Kennzeichen SHI347). Auf dem Weg nach Facatativa waren die Männer schon miteinander warm geworden und erzählten sich Witze. Sie stellten Überlegungen darüber an, wie ihnen wohl die Uniform stehen würde und gingen die typischen Ausreden durch, mit denen man nicht zum Militärdienst zugelassen wurde: ich habe Plattfüße, ich Armer leide unter Asthma, ich habe epileptische Anfälle, ich hab mir die Hand gebrochen? Kurzum, tausend kleine Lügen, um den Militärdienst zu umgehen - und um die Fahrtzeit totzuschlagen.

Gegen 16 Uhr 30 kamen wir am Infanteriebataillon Nummer 38 in Miguel Antonio Carol an. Wir wurden in Formation aufgestellt und unsere Ausweise kontrolliert - die man übrigens keines Blickes gewürdigt hatte, seit man uns aufgegriffen hatte. Hier muss ich etwas richtig stellen: ich musste mich nie mit den anderen aufstellen. Vom ersten Moment an, seit wir in Facatativa ankamen, rief mich ein Unteroffizier zu sich, fragte mich, woher ich sei und wies mich an, an seiner Seite zu bleiben. Ehrlich gesagt behandelte er mich sehr gut, er ließ mich ihn überallhin begleiten und redete mit mir als sei ich ein besonderer Freund. Er erzählte mir Geschichten und ließ mich welche erzählen. Witzig war, dass er sich sehr interessiert zeigte an meinen Berichten über traditionelle indigene Medizin, weil er sich in dieses Thema stärker einarbeiten wolle. Auf einem der Rundgänge stellte er mich einigen seiner Kollegen vor, die sofort sagten: "Dieser Mann ist wohl geeignet für den Militärdienst, er hat ja so einen guten Umgang". Lustigerweise verneinte er das und sagte "Dieser junge Mann kann nicht hier bleiben, er nimmt nämlich Medikamente."

Als der Oberst kam um die Leute nach ihren Gründen zu fragen, warum sie nicht den Militärdienst leisten könnten, war es eine gute Gelegenheit für mich, um meine Erklärung als Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen abzugeben. Ich bin sicher dass viele der jungen Männer noch nie etwas davon gehört hatten und nie geglaubt hätten, dass das möglich sei. Das Beste war, dass ich frei blieb und mich keiner weiteren Untersuchung unterziehen musste, noch wurde ich an einen anderen Ort gebracht. Man sagte mir lediglich, ich müsse meine Erklärung nochmals mit Unterschrift und Siegel den entsprechenden Vorgesetzten vorlegen. Insgesamt ließen sie vier von uns gehen, wir mussten nur noch Informationen im Distrikt bestätigen über das, was sie mit zwei unserer Kollegen gemacht hatten, deren Empfangsbescheinigungen schon erledigt wurden. In meinem Fall gab es nichts mehr zu bestätigen, also nichts wie raus.

Ich verließ das Bataillon um 17 Uhr 50 in Begleitung des Unteroffiziers Pena. Ihn fragte ich, ob sie mir irgendeine Bescheinigung geben könnten, damit ich auf dem Weg nicht zum zweiten Mal aufgehalten würde (schließlich hatte ich schon 35.000 Pesos für die Fahrt verloren). "Ganz ruhig, Paisa", meinte Pena zu mir, "sie werden dich nicht mehr aufhalten, aber hier hast du meine Handynummer. Falls sie dich doch anhalten, dann ruf mich einfach sofort an." Diese ganze Behandlung erschien mir auffällig. Ich war mir sicher, sie hätten irgendwelche Verlautbarungen erhalten, weswegen sie so freundlich waren, aber dafür war es eigentlich schon zu spät am Tag. Als Konsequenz versuchte ich, mit ihnen auf sehr formeller Ebene zu sprechen und zu erwähnen, dass ich viele Gesetze und Artikel kannte. Außerdem bestand ich immer darauf, dass ich mit den militärischen Strukturen keinesfalls übereinstimme und dass Waffen keine Art sind, um eine Gemeinschaft zu bilden.

Diese Äußerungen gaben ihnen vielleicht zu denken und verliehen mir Charakter. Keiner der jungen Männer, die sie eingezogen hatten, wollte den Militärdienst absolvieren, weshalb alle mit Ausreden ankamen und niemand nach vorn trat, als der Oberst fragte: "Wer will in der Nationalen Armee Kolumbiens dienen?" Das ärgerte ihn offensichtlich, und seine gute Laune verflüchtigte sich zusehends. Die übrig gebliebenen 17 Männer mussten eine medizinische Untersuchung über sich ergehen lassen und warteten auf den endgültigen Schiedsspruch über ihre Zukunft.