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Mit der Vergangenheit umgehen

Gesprächsleitung: Roberta Bacic, Brandom Hamber, Elisabeth Stanley, Andrew Rigby

Geschichten erzählen, Leugnen und Schweigen

Mit der Vergangenheit umzugehen, ist keine objektive Übung. Es bedeutet persönliche Wahrheiten und Werte in einer Art zu verbinden, die den Kampf des Lebens in der Gegenwart erleichtert und sie in die Lage versetzt, in die Zukunft gerichtet zu werden.

In Zeiten von Repression und Konflikt gibt es wenige Gelegenheiten, unterschiedliche Geschichten zu erzählen. Geschichtenerzähler, die den herrschenden Diskurs in Frage stellen, setzen sich möglicherweise ideologischer Verdächtigung oder direkter Brutalität aus. Geschichten werden in vielfacher Weise zum Schweigen gebracht, z. B. durch Zensur, Dämonisierung von Gegnern, die Beschränkung des Zugangs zu demokratischen Prozessen, durch Gruppendruck.

In der Zeit nach einer Repression kann das Erzählen von Geschichten eine kathartisches Erfahrung sein - auszustellen, was bisher geleugnet wurde, kann eine machtvolle Handlung sein. Geschichtenerzähler können ihrer Identität und ihrem Platz in der Welt durch das Erzählen einen Sinn geben. Geschichten zu erzählen liefert eine Gelegenheit für ein Individuum, seine Beziehungen zur Gesellschaft wieder herzustellen oder zu schaffen. Geschichtenerzähler können jetzt in der Gegenwart etwas aus ihrer Erfahrung machen, aus ihren Erinnerungen und damit verbundenen Gefühlen traumatischer vergangener Ereignisse.

Geschichten zu sammeln, ihnen zuzuhören und sie anzuerkennen sind ebenfalls wichtige Aspekte. Um der Vergangenheit einen Sinn zu geben, sollte unterschiedlichen und komplexen Geschichten (die die Individuen in ihren größeren sozialen und strukturellen Kontext versetzen) zugehört werden. Während das Geschichtenerzählen oft eine machtvolle Handlung ist, ist auch Schweigen ein Mittel, mit der Vergangenheit umzugehen. Schweigen kann ebenso Macht für die Unterdrückten bedeuten, so wie Geschichten von Unterdrückern gebraucht und missbraucht werden können. Schweigen und Geschichten sind über Zeit und Raum einem Wandel unterworfen.

Trauma und Heilung

Zivilisten sind die Hauptopfer von Krieg und Konflikt (über 90 %). In Südafrika z. B. wurden die Menschen direkt durch strukturelle Gewalt, systematische Trennung und Verletzungen der Menschenrechte viktimisiert. Solch eine Gewaltkultur kann zu extremer Traumatisierung führen.

Trauma ist ein Begriff, der oft unkritisch übernommen wird. Wenn er verwendet wird, um ,,ungesunde" Reaktionen auf Umstände zu beschreiben, wird Trauma mit Hilfe der Sammlung individueller Symptome identifiziert.

Die gegenwärtig herrschende Reaktion auf Trauma kümmert sich nicht um die Gründe und den Kontext traumatischer Erfahrungen. Traumatische Ausdrucksweisen können in Wirklichkeit gesunde und ,,vernünftige" Mechanismen sein, um mit repressiven und gewaltsamen Ereignissen umzugehen. Trauma sollte in einer breiter gedachten Struktur identifiziert werden, die geschlechtsspezifische, neo-koloniale, kapitalistische und multikulturelle Umstände anerkennt.

Die Wahrheits- und Versöhnungskommission, die zum Ende der Apartheid in Südafrika eingerichtet wurde, war fest verbunden mit Begriffen von Heilung und Versöhnung. Sie operierte in einem Zustand von Spannung (zwischen den inneren Bedürfnissen der ,Opfer' und den politischen Zwängen der Gesellschaft). Sie versuchte mit Traumata umzugehen und Heilung zu ermöglichen. Durch Reparationen und offizielle Anerkennung individueller Geschichten kann eine Wahrheitskommission Heilung ermöglichen. Aber eine Wahrheitskommission muss von starken Unterstützungsgruppen begleitet sein. Eine Wahrheitskommission kann aus sich selbst nicht alle Bedürfnisse erfüllen.

Nationale Heilung und individuelle Heilung sind nicht notwendigerweise dasselbe. Für das Individuum können breitere Wahrheiten, Gerechtigkeit, Kompensationen und Anerkennung notwendig sein, um weiter zu kommen.

Vergebung

Im Prozess dieser Sitzung drang mehr die Botschaft durch als der Inhalt: Eine Umfrage zum Thema Bedeutung und Natur von ,,Vergebung" zeigt, dass es keine Übereinstimmung darüber gibt, was das bedeutet. Es gibt keine Möglichkeit, verschiedenen Menschen ein Verständnis dessen, was die Natur von Vergebung ist, aufzuzwingen. Daher sieht die Grundlage von Projekten mit dem Ziel Vergebung zu erreichen, vom Standpunkt dieses Nichtwissens her unterminiert aus.

Jedoch zeigte die Erfahrung der Befragung dieser Gruppe, dass, nachdem man von Versuchen, Verzeihung zu definieren/ zu identifizieren, befreit war, eine machtvolle Offenheit erreicht war, in der die Schwierigkeit der Erfahrungen von Leid und Heilung miteinander geteilt werden konnte. In der Tat zwang die Schwierigkeit und die Frustration der Versuche, ein anscheinend ,,falsches" Ziel zu erreichen, hinaus in einen gemeinsamen Raum und die gemeinsam geteilte Schwierigkeit, mit vergangenen schmerzhaften Erfahrungen zu leben.

So wurde durch den Kampf der Gruppe mit dem Begriff der Verzeihung und ihren Abschweifungen über diesen Begriff hinaus ein offener bedeutungsvoller ,Raum' geschaffen. Das war in sich selbst ein Akt des ,Umgehens mit der Vergangenheit' in der Art, wie es sich in dieser Themengruppe entwickelte, dh. im Kampf damit in allen gegenwärtigen Aspekten.

Das legt nahe, dass eine Diskussion und ein Austausch über die Erwartungen von Menschen über sich selbst sowie Überzeugungen darüber, was ihnen in Hinblick auf Vergebung zu tun möglich ist, einen Betrag zum Umgang mit der Vergangenheit leisten kann.

Bei den Versuchen, Vergebung und die komplexe Beziehung zwischen Gerechtigkeit und Vergebung anzupeilen/ zu identifizieren, wurde das Folgende ausgedrückt:

Was kann es leichter machen zu vergeben?

  • Zuweisung der Schuld/ Verständnis für das ,Flechtwerk der Schuld', in dem die Tat begangen wurde, z. B. gegenseitige Abhängigkeit, Strukturen in der Welt/ globaler Kapitalismus, in dem viele Kräfte, Handelnde und selbst das ,Opfer' verstrickt sein können; Vergeltung/ Folgen
  • Der ,,selbstsüchtige" Wunsch, durch Vergebung die Last loszuwerden
  • Anerkennung des Falschen /der Unausgeglichenheit und der Schuld; Verlangen nach Vergebung; Dialog

Gegensätze zu Vergebung

Rache; Hass/ Ärger; Entmenschlichung; Ignoranz; Opferstatus; auferlegte ,Lösungen'; Ressentiment; Vergessen; Verbitterung; Verwirrung; Forderungen

Wahrheitskommissionen

Die Erfahrung aus Chile wurde betrachtet, wo eines der untersuchten Problemen darin bestand, dass Aktivisten, die zunächst in einer NRO waren, auf einmal Mitglied einer staatlichen Organisation wurden; nicht alle Opfer/ Überlebenden erhielten Reparationen; die Ergebnisse waren für einige nicht ausreichend.

Ergebnisse in Chile: finanzielle Entschädigung; Befreiung vom Militärdienst; Zugang zu Bildungseinrichtungen; Gesundheitsversorgung; Kenntnisse der Menschenrechte; Gesetzgebungsverfahren; ein Schreibwettbewerb.

Konkrete Fälle gaben die Möglichkeit, Ergebnisse von Gerichtsverfahren zu erläutern; Macht in sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen; und die Beziehung zwischen dem Inhalt des Leidens und der Form der Wiedergutmachung.

Abschließende Bemerkungen

Eine breite Auswahl von Elementen steht beim Reden über die Vergangenheit zur Verfügung, ebenso wie die politischen Aspekte. Die vielen Zugangspunkte zu dieser Arbeit und Formen, um sie zu entwickeln / auszuführen, sind im Kontext und direkter Erfahrung begründet. Es gibt nicht eine Antwort, niemand besitzt oder hat die Macht, Wörter zu definieren wie ,,Vergebung" oder ,,Versöhnung"; es scheint, dass das ein Feld ist, wo wir sehr wenig vorschreiben können; Bedeutung oder Echtheit verschwindet sehr schnell bei der ersten Spur einer auferlegten Definition oder vorgeschriebenen Route. Offen zu sein für individuelle Wahrheiten und Perspektiven ohne Lösungen scheint der Anfangs- und möglicherweise auch der Endpunkt zu sein, wie wir den Prozess beeinflussen/ erleichtern können.

Kulturen der Gewalt häufen leere Flecken, Schweigen und großes kollektives Leid an.

In diesen Situationen sehen wir Mediatoren und Friedensstifter kämpfen, um die jeweilige Krise einzudämmen oder zu neutralisieren. Im Anschluss an diese Phase entsteht ein Prozess des Friedensstiftens, manchmal in einer Situation, wo Wunden tief sind, Probleme ungelöst und man nicht sieht, dass Gerechtigkeit hergestellt wird. So ist die Idee einer ,Konfliktverwandlung' nützlicher als Prozess denn als Ereignis. Dieser Prozess trachtet danach einer zu sein, in dem jedes Individuum einen Einsatz hat, von dem jeder Teilnehmer Bekräftigung sucht, um seinen je eigenen Ausgangspunkt zu finden. Dieser wertvolle und kritische Prozess der Behandlung der Vergangenheit kann nicht anhand des Verlaufs eines Konfliktes anfangen, zu Ende gehen oder Fortschritte machen. Dieser Prozess ist Teil einer Kultur der Verwandlung, einer Gesellschaft, die eine Ideologie der Teilhabe und des Konsenses hat.

Eine Teilnehmerin stellte diese Überlegungen über dasThema mit folgendem Gedicht dar:

Tränen, ein Reißen von Gewebe innen
Leid, zu hören und mit zu fühlen
Überzeugung, eine Leidenschaft für Gerechtigkeit
Klarheit, um den Zweck meines Lebens
offen wie eine Blume zu sehen.
Sonne, Scheinen, Blütenblatt, Macht
um die Alternativen zum Krieg zu enthüllen,
um die Kultur des Friedens zu schaffen.