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Welche Rollen spielen Geschichten in unseren Strategien

Gesprächsleiterin: Florencia E. Mallon, University of Wisconsin-Madison

Unsere erste Plenarversammlung hatte drei Sprecher: Florence Mallon, die für Elham Bayour einsprang (er konnte wegen einer Familienkrise nicht kommen); Michael Randle, Pionier der Bewegung "Direkte gewaltfreie Aktionen" in Großbritannien und Friedensforscher und -aktivist; und Koussetogue Koudé, ein in Frankreich lebender Menschenrechtsaktivist aus dem Tschad. Unser Hauptziel in dieser Plenarversammlung war es, eine Diskussion darüber zu eröffnen, wie die Geschichten und Erinnerungen von Widerstand und Aktionen - die von früheren Generationen erzählt werden - den heutigen Aktivisten bei der Formulierung von besser fokusierter und umfassender Aktionsstrategien helfen können. Jeder Sprecher analysierte spezifische Geschichten von Verlust, Unterdrückung und Widerstand, damit wir für die Zukunft daraus lernen können.

Die erste Geschichte der Plenarversammlung war ein von Tony Kempster vorgetragenes Lied, das von einem Dialog zwischen einem palästinensischen und einem israelischen Jungen handelt. Ein Junge fragt den anderen während des ganzen Liedes "Was würdest Du tun, wenn wir uns unter Kriegsbedingungen träfen?" Die erste Antwort des anderen Jungen: "Ich würde Dich erschießen!" Seine nächste Antwort: "Ich würde Dich verstecken und freilassen!" Und die letzte Antwort wäre: "Ich würde meine Waffen weglegen, Dich in die Arme nehmen und weinen."

Florencia begann ihre Präsentation mit der Geschichte von Sitti, der Großmutter von Elham Bayour. Sitti wurde 1948 aus ihrem Heimatdorf in Palästina vertrieben. Bis zu ihrem Tode trug sie einen Schlüssel ihres Elternhauses bei sich. Dieses Bild einer alten Frau, die die Erinnerung an vergangene Usurpation durch ein konkretes symbolisches Objekt, einen Schlüssel, aufrechterhielt und diesen benutzte, um an die nächste Generation den Wunsch nach Wiedergutmachung weiterzugeben, erinnerte Florencia an ein Bild, das sie während ihrer Arbeit mit den Mapuche-Eingeborenen in der Gemeinde Nicolas Ailío im Süden Chiles entdeckte. Einer der Alten dieser Gemeinschaft hatte die Erinnerung daran, daß seine Eltern durch einen Mißbrauch treibenden Landbesitzer von dem Gemeindeland vertrieben, ihr Haus und ihre Besitztümer verbrannt wurden, bewahrt und diesen Verlust an die nächste Generation weitergegeben, um die laufenden Kämpfe um Wiedergutmachung zu unterstützen. Die Gemeinde Ailío konnte das ursprüngliche Land nicht wiedergewinnen, und es mußten vierzig Jahre des Kampfes, der Unterdrückung und der intensiven internen Diskussionen vergehen, bevor ein paar der Gemeindemitglieder mit ihrer Petition um neues Land an die Regierung Erfolg hatten. Was würde mit den Schlüsseln passieren, die viele ältere Palästinenser seit über einem halben Jahrhundert mit sich rumtragen, wenn (ähnlich wie bei dem Ailío-Land) viele Häuser - zu denen diese Schlüssel passen - plötzlich für ihre Eigentümer nicht mehr zugänglich wären? Florencia schloß damit, daß es wichtig ist, diese Erzählungen und Geschichten zu honorieren, zu erhalten und sich an sie zu erinnern, aber auch gleichzeitig eine neue politische Strategie zu suchen, um das Ziel von Gerechtigkeit und Wiedergutmachung greifbarer zu machen. Um zu dem Bild des Schlüssels zurückzukommen, wir müssen diesen in uns tragen stellvertretend für Erinnerungen, Wünsche und Rechte. Aber oft müssen wir ihn auch nutzen, um neue Türen zu öffnen.

Michael Randle erzählte uns über seine Erfahrungen in der in den Fünfzigern und Sechzigern des letzten Jahrhunderts aufkommenden Antiatom-Bewegung. Die Bewegung konnte zwar nicht alle ihre Ziele erreichen, aber sie hinterließ doch einige Dinge - so Michael - einschließlich der Entwicklung des Symbols der internationalen Friedensbewegung, der Verbindung mit den Antiatom-Bewegungen in Afrika und des Einflusses auf Antikriegsbewegungen in der ganzen Welt zwischen 1960 und 1980. Zusätzlich argumentierte er, daß - obwohl keine Abrüstung per se erzielt wurde, die Bewegung eine wichtige Unterstützung bei der Durchsetzung einer Reihe von internationalen Friedensabkommen war, durch die zumindest teilweise die Atomversuche und die Ausbreitung der Atomkraft eingeschränkt wurden. Auch wenn eine Bewegung nicht alle ihre Ziele erreicht, bleibt etwas für die Zukunft, nämlich die nicht beabsichtigten Erfolge, die auf dem Weg erzielt wurden. Abschließend betonte Michael, daß es notwendig sei, die Auswirkungen, die die Lehren von einem gerechten Krieg für die Friedensaktivisten haben könnten, sorgfältig zu überdenken.

Koussetogue Koudé begann mit einer Geschichte. Während seiner Teilnahme an einer Gesprächsrunde über das Einbeziehen der Jugend ins politische Leben des Tschad teilte er das Podium mit Brahim, einem gut angezogenen und hoch gebildeten Mann, der für die jüngere Generation des Tschads sprach, die zunehmend zu der Kommerzialisierung der Gewalt als einziger Weg zu finanzieller Sicherheit tendiert. Diese jungen Leute, die man COLOMBIENS nennt, sind ein lebendes Symbol nicht eingehaltener Versprechen in der Gesellschaft im Tschad, denen man sich stellen muß, wenn man jemals die Hinterlassenschaft der Diktatur erfolgreich verarbeiten will. Koudé hob ein paar Schritte hervor, die es der jetzigen Regierung im Tschad erlauben würden, mit der Lösung der von der Diktatur hinterlassenen Probleme zu beginnen. Diese Schritte beinhalten unter anderem das Abschaffen der DIYA, dem traditionellen Blutpreis für Verbrechen, die den Staat davon abhält, die Verantwortung für Gewaltverbrechen zu übernehmen; sowie die Beendigung der Immunität der Regierung für die Teilnahme an Menschenrechtsverletzungen. Diese Immunität ermutigt nur zu fortgesetztem Mißbrauch, weil sie erkennen läßt, daß manche Leute über dem Gesetz stehen. Durch eine Reform der Gerichtsbarkeit, der Einführung einer Wahrheitskommission, Bildung der Bevölkerung und internationale Solidarität - schlußfolgerte Koudé - könnte der Tschad sich auf den Weg machen, den Kreis von Gewalt und Unterdrückung aus der letzten Diktatur zu durchbrechen.

Zwei allgemeine Punkte wurden zur Diskussion gestellt: 1) die Rolle des Erzählens von Erinnerungen, Erfahrungen und Identitäten aus der Vergangenheit als Hilfe für uns, um alternative, realistische Strategien und Formen des Aktivismus hier und heute aufzubauen, in der Hoffnung, damit eine alternative Zukunft zu gestalten. Florencia forderte die Zuhörer auf, darüber nachzudenken, wie diese aus dieser Plenarversammlung resultierenden Strategien und Formen des Aktivismus als Ausgangspunkt für das Überdenken der vorhandenen Strategien verwendet werden können. 2) daß wir - wenn wir die Geschichten und Bilder von Palästina, Tschad, den Mapuche in Chile und der Antiatom-Bewegung in Großbritannien zusammenbringen - auch die unterschiedlichen Kontexte beachten müssen, in denen diese Geschichten und Erinnerungen entstehen und bestehen, im Norden und Süden und da wieder in unterschiedlichen Orten. Michael Randles Geschichte handelt von jemandem, der eine persönliche Entscheidung trifft, eine Option, die andere seiner Generation ebenfalls gewählt haben, um Nein zu der von seinem eigenen Land und dessen Verbündeten gegen andere Teile der Welt losgelassenen entsetzlichen Zerstörungskraft. Elham, Koudé und Florencia erzählten Geschichten über Strategien für das Überleben der bereits den Leuten der betroffenen Gesellschaften angetanen Gewalt.

In einer kurzen Diskussion wurden mehrere wichtige Fragen aufgeworfen, aber nicht angemessen behandelt. Eine davon bezog sich auf die generationsweise Teilung unter den Aktivisten: waren die älteren Leute schon immer konservativer oder an ältere Methoden gebunden? Eine weiter Frage war, ob es nicht besser wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen und nach vorne zu sehen. Eine dritte Frage war, ob "mündlich übertragene Geschichte" und die daraus entstandenen Erzählungen nur ein Phänomen des Südens ist oder ob das für den Norden auch von Bedeutung ist. Abschließend wurde die Frage aufgeworfen, wer heute mit dem Geschichtenerzählen beauftragt ist. Haben die Medien dafür die Verantwortung? Wer hört sich diese Geschichten an?

Daß es uns nicht möglich war, diese und andere Probleme ausführlicher anzusprechen, könnte eventuell einen Einfluß darauf gehabt haben, wie wir in den nachfolgenden Plenarversammlungen Geschichten und Strategien zu integrieren versuchten. Während des Rests der Dreijahreskonferenz bestand die Tendenz, Geschichten aus den Strategien herauszuhalten. Bei den Geschichten ging es um Erfahrungen, bei den Strategien um Politik. Die meisten Geschichten scheinen aus dem Süden zu kommen; für einige Leute schienen die Strategien im Norden ausgearbeitet worden zu sein. Deshalb blieb die Herausforderung, mit der wir in die erste Plenarversammlung gingen, nämlich die Antwort auf die Frage: "Welche Rolle spielen Geschichten in unseren Strategien?" bis zum Ende der Dreijahreskonferenz aktuell. Vielleicht sollte das immer so sein, da das ständige Neuinterpretieren der Vergangenheit ein wichtiger Teil für das Formulieren besserer Wege in die Zukunft ist. Eines können wir vielleicht mit einiger Sicherheit sagen: Wir gehen auf unsere eigene Gefahr weiter, wenn wir nicht in der Lage sind, die Erinnerungen, Erfahrungen und Identitäten angemessen zu verarbeiten, die ein Teil der Hinterlassenschaft früherer Generationen sind.