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Macht mit, nicht Macht über

Julia Kraft

Gesellschaftliches Empowerment ist ein Prozess, bei dem Menschen ihre Macht wiedererlangen. Die Macht ihr eigenes Leben zu gestalten und den Lauf der Dinge um sie herum zu beeinflussen. Sie nutzen ihre Macht gegen Unterdrückung und Ausschluß, für Teilhabe, Frieden und Menschenrechte.

Diese Macht ist nicht "Macht-über", Herrschaft, sondern die Macht zu sein und zu tun, "Macht-mit" anderen, die genutzt werden kann, um unterdrückerische oder ohnmächtig machende Umstände zu verändern. Diese Macht steht politischer Repression entgegen, der Repression von Institutionen, und auch gegen die gesellschaftlichen Muster, die die Gesellschaft durchdringen und die Lebensqualität der Menschen beschränken. Macht und Einfluß in der Gesellschaft müssen umverteilt werden. Indem Menschen sich ihre eigene Macht wieder aneignen, entwickeln sie ein kritisches Bewußtsein über die ungleiche Verteilung von Gütern, Möglichkeiten und Wissen in der Gesellschaft und wie diese soziale Realität verändert werden kann. Empowerment bedeutet auch, eigene Ressourcen zu entdecken, herauszufinden, welche anderen Ressourcen zu erlangen sind und sie zu nutzen.

Phasen des Empowerment

Der Prozess des Empowerments beginnt normalerweise aus einer Krise heraus: Ein emotionales oder physisches Erlebnis, das einen Bruch oder einen plötzlichen Wandel in der täglichen Routine bewirkt. Dabei bemerken die Leute, daß sich etwas ändern muß. Sie beginnen das Vertrauen in PolitikerInnen und entscheidungstragende Personen zu verlieren und schauen auf ihre eigenen Möglichkeiten, die Situation zu beeinflussen.

In der zweiten Phase suchen und finden die Menschen Unterstützung von anderen, die ähnliche Erfahrungen oder Interessen haben oder hatten. Sie entdecken ihre eigenen Fähigkeiten und machen erste öffentliche Aktionen.

In der dritten Phase haben die Menschen ein besseres Verständnis über die gesellschaftlichen Zusammenhänge gewonnen. Sie haben Erfahrungen mit Aktionen gesammelt und erleben erste Konflikte durch die Rollenverteilung in der Gruppe, aber auch in ihren Familien und unter Freunden.

Die vierte Phase ist die Phase der "Überzeugung und brennenden Geduld". Die Fähigkeit der Menschen mit Konflikten umzugehen, hat sich weiterentwickelt, sie sehen eine Verbindung zwischen Konflikt und Wachstum und sind zu der Überzeugung gelangt, daß sie die Gesellschaft beeinflussen und - teilweise - verändern können. Diese Haltung hilft, in langsamen und schwierigen Prozessen weiterzumachen und andere in ähnlichen Prozessen zu unterstützen.

Die persönliche, die Gruppen- und die gesellschaftliche Ebene

Empowermentprozesse wirken auf drei Ebenen: der persönlichen Ebene - bezogen auf innere Macht, der Gruppenebene - Macht zusammen mit, und der gesellschaftlichen Ebene - Macht in Beziehung zu bestimmten Zielen und entgegen bestimmter gesellschaftlicher Kräfte. Diese Ebenen sind nicht getrennt voneinander. Persönliche Macht entsteht oft aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit mit anderen. Die Gruppen müssen Entscheidungen treffen, die sich nicht nur auf ihr eigenes Handeln beziehen, sondern auch darüber, auf welcher Basis sie Koalitionen eingehen wollen, welche Verbindungen sie mit welchen Quellen der Macht eingehen wollen und wie diese funktionieren sollten um ein dauerhaftes Empowerment auf der Graswurzelebene zu erreichen. Diese Netzwerke zwischen Gruppen, Institutionen, und Menschen spielen eine grundlegende Rolle, da Empowerment aus dem Austausch von Ideen, gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamen Aktionen entsteht.

Die Analyse der Gewaltfreiheit

Gewaltfreiheit trägt dem gesellschaftlichen Empowerment bei, daß der Prozeß, das eigene Leben zu gestalten, auf eine Art passiert, die die Rechte und die Person aller akzeptiert. Gewaltfreiheit versucht die bestehenden Machtverhältnisse herauszufordern ohne Feindschaften zu verschärfen. Sie bemüht sich, Elemente des gesellschaftlichen Gefüges zu stärken, wie z.B. Respekt für Unterschiedlichkeit, gegenseitiges Verständnis, partizipative Formen des Organisierens und freiwillige Kooperation. Weiter versucht Gewaltfreiheit, Menschen mit unterschiedlichen Sichtweisen zu stärken und die zu unterstützen, die traditionellerweise als weniger Macht besitzend angesehen werden.

Der Beitrag des Empowerment

Die Forschung über gewaltfreie Aktion neigte dazu, sich auf die Rolle der gewaltfreien Aktion bei der Abschaffung von Diktaturen oder im Widerstand gegen Besatzung zu konzentrieren, auf ihre Anwendung in Kampagnen für Ziele, die von der Unabhängigkeit von kolonialer Herrschaft bis zur Veränderung von Regierungs- oder Firmenpolitik reichten, oder auf die Philosophie der Gewaltfreiheit. Jedoch wird ihr Einfluß auf die, die aktiv werden oder auf die soziale Kultur zumeist als Nebeneffekt betrachtet.

Viele Kampagnen oder soziale Bewegungen beurteilen ihre Effektivität nur bezogen darauf, ob sie ihre Ziele erreicht haben. Diese enge Sichtweise von Effektivität kann zu einer ergebnisorientierten, instrumentellen Art der Arbeit führen und zu einer hohen burn-out Rate unter den AktivistInnen. Sie übersieht eine zugrundeliegende Motivation, die von vielen AktivistInnen geteilt wird: zu einem spezifischen Thema auf eine Art aktiv zu sein, die breitere Veränderungen fördert und die Fähigkeit der Menschen erweitert, ihr eigenes Leben zu formen. Eine Sichtweise, die Empowerment ins Zentrum stellt kann gewaltfreien sozialen Bewegungen und Aktionen ermöglichen, einen Blick auf die Prozesse zu werfen, die in den Menschen und Gruppen passieren, die Teil der Bewegung oder Aktion sind, oder in den sozialen Kulturen, die aus diesen Bewegungen entstehen. Das bedeutet, nicht nur darauf zu schauen, ob die Ziele durch die Aktion erreicht wurden, sondern auch auf das persönliche Wachstum und darauf, wie Gruppen zusammen lernen können.

Julia Kraft ist seit 1994 in der Graswurzelbewegung in Deutschland aktiv. Derzeit ist sie an der Koordination des WRI-Projektes zu Gewaltfreiheit und gesellschaftlichem Empowerment beteiligt.

Diese grundlegende Organisationsstruktur wurde sowohl bei den WTO-Protesten in Seattle im November vorletzten Jahres (N30) als auch bei den IMF/Weltbank-Demonstrationen in Washington DC am 16. und 17. April (A16) angewendet. Sie hat das Ziel, ermächtigend, demokratisch, flexible und umfassend zu sein.