Programm für Gewaltfreiheit der War Resisters' International (Internationale der KriegsgegnerInnen)

Einleitung

Während des Ratstreffens der WRI in Ohrid, Mazedonien, im Juni 2004 wurde beschlossen, die WRI-Programme "Gewaltfreiheit und soziales Empowerment" [1] und "Globalisierung und Militarismus" [2] zu einem neuen "Programm für Gewaltfreiheit" zusammenzufassen.

Das Programm Gewaltfreiheit und soziales Empowerment entstand Mitte der Neunziger und konzentrierte sich auf die Nonviolence and Social Empowerment Study Conference [3] (Konferenz zu Gewaltfreiheit und sozialem Empowerment) in Puri, Indien, im Februar 2001. Zur Zeit ist das Hauptprojekt dieses Programms die "Women's Trainers' Consultation" (Beratung von Trainerinnen),.die im Oktober 2004 in Thailand [4] stattfinden soll - ein gemeinsames Projekt der WRI-Frauenarbeitsgruppen und des International Fellowship of Reconciliation's Women Peacemakers-Programms.

Das Programm Globalisierung und Militarismus gibt es seit der WRI-Dreijahreskonferenz in Dublin. Zur Zeit konzentriert es sich auf das Europäische Sozialforum in London vom 14.-17. Oktober 2004 [5].

Beide Programme waren früher "Netzwerk-Programme", die vollständig von Arbeitsgruppen und Freiwilligen durchgeführt wurden, ohne oder mit geringer Hilfe des zentralen Büros. So mußten im Rahmen des Programms für Gewaltfreiheit und soziales Empowerment zwei Teilzeitkräfte die Konferenz zu Gewaltfreiheit und sozialem Empowerment organisieren. Das Zusammenlegen dieser beiden Programmbereiche, für die dann Mitarbeiter zuständig sind, ermöglicht eine Reihe von neuen Projekten.

Wozu ein Programm für Gewaltfreiheit?

Der Grundsatz der War Resisters' International lautet:

Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.
Ich bin daher entschlossen, keine Art von Krieg zu unterstützen und für die Beseitigung aller seiner Ursachen zu kämpfen.

Eine Aufgabe der WRI ist die Förderung von Gewaltfreiheit. In der Prinzipienerklärung heißt es: "Gewaltfreiheit kann aktiven Widerstand, einschließlich Zivilen Ungehorsams, mit Dialog verbinden; sie kann Nicht-Zusammenarbeit - d. h. den Entzug der Unterstützung eines unterdrückerischen Systems - mit der konstruktiven Arbeit des Aufbaus von Alternativen verbinden. Als eine Art, sich in einem Konflikt zu engagieren, stellt Gewaltfreiheit manchmal den Versuch dar, auch Versöhnung zu bringen: Stärkung der sozialen Strukturen, Stärkung derjenigen am Boden unserer Gesellschaft, und Einbeziehung von Menschen verschiedener Seiten in die Suche nach einer Lösung." [[6]] Die WRI weiß, daß für "einige Gewaltfreiheit eine Lebensweise ist. Für uns alle ist sie eine Aktionsform, die das Leben bejaht, sich gegen Unterdrückung ausspricht und den Wert eines jeden Menschen anerkennt."

Eine weitere Aufgabe der WRI ist die Förderung des Antimilitarismus, d. h. weder Krieg (gleich welcher Art) zu unterstützen noch die Mechanismen, die einen Krieg möglich machen. Im September 2001 verfaßte die WRI eine Erklärung "Say No!" (Sag' Nein!), in der sie zu Kriegsdienstverweigerung und gewaltfreiem Widerstand gegen den Krieg aufrief.[7]

In der Erklärung zu ihren Aufgaben definiert die WRI diese wie folgt:

  • Menschen zusammenzubringen: Die WRI arbeitet daran, Menschen zusammenzubringen, die sich ihren Grundsätzen verpflichtet haben, und zwar durch Organisation von Konferenzen und anderen Veranstaltungen, durch das Veröffentlichen von Magazinen, Broschüren und Büchern und durch das Bereitstellen von Informationen über Computer.
  • Kampagnen und Aktionen zu initiieren: Die WRI bietet einen internationalen Blick auf die Themen. Bei der Propagierung und Koordinierung von Aktionen und Projekten auf internationaler Ebene ist Gewaltfreiheit der Kernpunkt jeder Aktion oder Kampagne. Die WRI möchte durch die Einbindung anderer Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen, die das Projekt dann durchführen können, eine stabile Basis schaffen, wofür die Unterstützung vor Ort sehr wichtig ist.
  • Aktionen zu unterstützen: Die WRI unterstützt auf vielfältige Weise - abhängig von Mitteln und Umständen - Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen, die Kriegsursachen thematisieren und sich weigern, jegliche Art von Krieg zu unterstützen. Beispiele für diese Arbeit sind: die Liste der Gefangenen für den Frieden, die Teilnahme an Gerichtsverfahren, die Organisation von Rundreisen und Fundraising für spezifische Kampagnen.
  • Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit: Die WRI propagiert Gewaltfreiheit als ein Mittel sozialen Wandels. Durch die Organisation von Studienkonferenzen, die Veröffentlichung von Artikeln und Büchern und die Anregung von Diskussionen möchte die WRI das Nachdenken über Gewaltfreiheit und Analysen aus der Sicht der Gewaltfreiheit vertiefen.

In diesem Rahmen hat sich das Programm für Gewaltfreiheit der WRI die folgenden Ziele gesetzt:

  • die Förderung von Gewaltfreiheit in den neuen sozialen Bewegungen, besonders der Bewegung für globale Gerechtigkeit ("Anti-Globalisierungs-Bewegung") und der weitreichenderen Friedensbewegung
  • das Bewußtmachen der Verknüpfung von Firmen mit Militarismus; die Analyse, daß Kriegsgewinnler ein Grund für die Kriege sind, soll in einer neuen WRI-Kampagne propagiert werden
  • die Ausbildung des WRI-Netzwerks und der weitreichenderen Friedensbewegung hinsichtlich der von der Bewegung für globale Gerechtigkeit aufgeworfenen Themen, um die Kenntnisse über die Verbindung zwischen Militarismus und Wirtschaft zu vertiefen.

Das Programm für Gewaltfreiheit

Das allumfassende Ziel des Programms für Gewaltfreiheit ist die Verstärkung und Vertiefung unseres Verständnisses von Gewaltfreiheit, gewaltfreien Strategien und gewaltfreien Kampagnen sowie die Entwicklung und Bereitstellung von Hilfsmitteln und Unterstützung für Gruppen, die Gewaltfreiheit anwenden. Das Programm baut auf dem früheren Programm für Gewaltfreiheit und sozialem Empowerment auf: "Soziales Empowerment ist ein Prozess, bei dem Menschen ihre eigene Macht wiedererlangen; die Macht, ihr eigenes Leben zu gestalten und Einfluss zu nehmen auf die Dinge, die um sie herum vorgehen. Sie nutzen ihre Macht gegen Unterdrückung und Ausschluss, für Teilhabe, Frieden und Menschenrechte." [8]

Die Hauptaspekte des Programms für Gewaltfreiheit und soziales Empowerment behalten ihre Gültigkeit für das Programm für Gewaltfreiheit:

  • "das Ausmaß sozialen Empowerments sollte ein Schlüsselelement sein, wenn man den Einfluss der Aktivitäten einer sozialen Bewegung analysiert;
  • die Struktur sozialen Empowerments bietet eine Perspektive für eine Zusammenarbeit zwischen bis dahin rivalisierenden oder sogar im Widerspruch stehenden Ansätzen;
  • Empowerment-Strategien sind für die Effektivität gewaltfreier Bewegungen von wesentlicher Bedeutung;
  • die Methodik der Gewaltfreiheit bietet spezifische Einblicke in soziales Empowerment." [9]

Das kommt auch in der Haltung der WRI gegenüber Globalisierung in ihrer Erklärung des Jahres 2001 zum Ausdruck: "Eine Strategie der Gewaltfreiheit muss beinhalten, unsere eigene Stärke als Bewegung aufzubauen und Alternativen zu wirtschaftlicher Globalisierung und der Macht der Firmen zu entwickeln. Eine Strategie der Gewaltfreiheit muss beinhalten, das reiche Erbe der gewaltfreien Bewegungen überall in der Welt zu nutzen, um auf gewaltfreie Konfrontation vorzubereiten, aufbauend auf den Erfahrungen mit gewaltfreien Trainings in der US-BürgerInnenrechtsbewegung, der gandhianischen Bewegung in Indien, der Landlosenbewegung in Brasilien, der Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika, um nur einige aufzuführen." [10]

Drei Aspekte des Programms für Gewaltfreiheit sind miteinander verbunden:

  • Entwicklung und Verteilung von Ressourcen zu Gewaltfreiheit und gewaltfreien Strategien an das WRI-Netzwerk und die weitverbreitetere Friedensbewegung. Solche Ressourcen umfassen ein Handbuch für gewaltfreie Aktionen, eine Sammlung von Fallstudien gewaltfreier Kampagnen [11], Gewaltfreiheitstraining und Materialien zur Entwicklung von Kampagnen.
    In Zusammenarbeit mit der WRI-Arbeitsgruppe Gewaltfreiheitstraining und WRI-Mitgliedern und aufbauend auf die Arbeit des früheren Programms Gewaltfreiheit und soziales Empowerment wird das Programm Ressourcen über Gewaltfreiheit, gewaltfreie Aktionen, gewaltfreie Strategien und Gewaltfreiheitstraining sammeln und entwickeln unter Einbeziehug der Erfahrungen aus gewaltfreien Auseinandersetzungen aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Bewegungen. Ein erstes Projekt könnte das Zusammentragen und Veröffentlichen eines "Handbuchs für gewaltfreie Aktionen" sein, das als Einführung in Gewaltfreiheit und gewaltfreie Aktionen in allen Kulturen dienen kann. [12] Eine solche Veröffentlichung sollte sowohl gedruckt als auch online in verschiedenen Sprachen verfügbar sein.
    War Resisters' International gab vor der Konferenz zu Gewaltfreiheit und sozialem Empowerment mehrere Fallstudien in Auftrag. Diese Fallstudien können die Grundlage für eine umfangreichere Sammlung von Fallstudien bilden und sollten auch online in verschiedenen Sprachen verfügbar sein. Der für diese Fallstudien erarbeitete Fragebogen kann als Ausgangspunkt für das Durchführen weiterer Fallstudien bei neueren Bewegungen/Kampagnen dienen.
  • Vernetzen mit Gruppen, die daran interessiert sind, Gewaltfreiheit für sozialen Wandel zu verwenden; Koordination von Workshops bei Treffen, wie Soziale Foren, durch Bereitstellung der WRI-Ressourcen an Graswurzelaktivisten, die an Antimilitarismus und Globalisierung arbeiten.
    Im Jahre 2002 vertrat das WRI-Ratsmitglied Oscar Huenchunao die WRI beim Welt-Sozial-Forum in Porto Allegre; ebenso wie das WRI-Ratsmitglied Jørgen Johansen, der auch 2003 teilnahm und 2004 in Mumbai. Viele WRI-Mitglieder und andere gewaltfreie Gruppen nehmen an den Sozial-Foren und anderen großen Veranstaltungen teil oder sind involviert in Hauptaktivitäten der Bewegung für Globalisierung von unten, wie Seattle, Genoa und andere.
    Zum ersten Mal wird die War Resisters' International die Anwesenheit von Pazifisten und Antimilitaristen auf einem Sozial-Forum koordinieren, und zwar auf dem diesjährigen Europäischen Sozial-Forum in London im Oktober. Ein wichtiger Aspekt des Programms für Gewaltfreiheit wird die Erweiterung dieser Aktivitäten sein und das aktivere Vernetzen mit Gruppen aus dem WRI-Netzwerk und darüber hinaus. Es ist wichtig, Ressourcen zu Gewaltfreiheit all denjenigen zur Verfügung zu stellen, die sie benutzen möchten, wie das z. B. das WRI-Mitglied War Resisters League vor den Demonstrationen bei dem WTO-Treffen getan hat. Sie druckten und verteilten 6000 Exemplare ihres "Handbuchs für gewaltfreie Aktionen".
  • Entwicklung von Ressourcen für die Kampagne der WRI gegen Kriegsgewinnler. Vernetzen mit WRI-Mitgliedern, die an solchen Kampagnen arbeiten, Unterstützung und Koordination gewaltfreier Kampagnen gegen Kriegsgewinnler.
    Auf dem Internationalen Sozial-Forum in Mumbai rief Arundhati Roy die Bewegung auf, "der Widerstand gegen die Okkupation Iraks zu sein" und sich auf zwei große Firmen, die von dieser Okkupation profitieren, zu konzentrieren. Die WRI wird in ihrer Kriegsgewinnler-Kampagne den Aufruf Arundhati Roy's aufgreifen und darauf aufmerksam machen, daß aus der Sicht von Antimilitaristen Kriegsgewinnler ein Kriegsgrund sind. Das WRI-Netzwerk muß für diese Kampagne Gruppen zusammenbringen, die an dem Thema Kriegsgewinnler arbeiten, und ihnen Ressourcen und Materialien für die Kampagne zur Verfügung stellen. Das Programm für Gewaltfreiheit kann eine Art Koordination und Strategieentwicklung für die Kampagne liefern, aber die Kampagne selbst wird nicht in erster Linie vom Büro geleitet.
    Als ersten Schritt bietet WRI während des Europäischen Sozial-Forums im Oktober 2004 in London einen entsprechenden Workshop an.

Anmerkungen

[1] http://wri-irg.org/archive/nvse2001/nvsehome.htm
[2] Die frühere Homepage zu Globalisierung und Militarismus wurde in die jetzige Homepage eingebunden.
[3] http://wri-irg.org/archive/nvse2001/nvse/nvserept-de.htm
[4] http://wri-irg.org/news/2004/wwg-consult04-en.htm
[5] http://wri-irg.org/news/2004/esfhome.htm
[6] Erklärung zu den Prinzipien der WRI, genehmigt durch den WRI-Rat in Carmaux, Frankreich, 1997, http://wri-irg.org/statemnt/stprinc-de.htm
[7] http://wri-irg.org/de/sagnein.htm
[8] War Resisters' International: Nonviolent Social Empowerment, http://wri-irg.org/archive/nvse2001/nvse/nvse0001-en.htm
[9] Julia Kraft and Andreas Speck, Gewaltfreiheit und gesellschaftliches Empowerment, 2000, http://wri-irg.org/archive/nvse2001/nvse/nvse-2-de.htm
[10] Sich den Herausforderungen des Kampfes gegen Globalisierung stellen, WRI Erklärung, August 2001 http://wri-irg.org/de/globstat.htm
[11] Als Teil des Programms Gewaltfreiheit und soziales Empowerment wurden ein paar Fallstudien durchgeführt. http://wri-irg.org/archive/nvse2001/nvse/nvsecase-en.htm
[12] Aktivisten aus vielen Ländern und mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrunden fragen wiederholt bei den War Resisters' International an wegen Materialien, die als Einführung in Gewaltfreiheit/gewaltfreie Aktionen verwendet werden können. Vorhandene Materialien basieren meisten auf der Erfahrung nur eines Landes oder sind für kleine Aktivistengruppen schwer zugänglich, da sie von Gewaltfreiheit in großem Umfang handeln.

Laufende Programmarbeit und neuste Veröffentlichungen:

Beratung für Trainerinnen: Oktober 2004 in Chiang Mai, Thailand (Mitorganisator: die WRI-Frauenarbeitsgruppe und das IFoR Women Peacemakers' Programm)

WRI und das Europäische Sozial-Forum 2004

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