Rekrutierung in anderen Ländern

Wie rekrutieren Armeen außerhalb Europa/Nordamerika?

Wie wohl Europa und die Vereinigten Staaten ihre Armeen auf der ganzen Welt haben mögen -- und wenn sie nicht ihre Armeen einsetzen, dann nützen sie sicher wirtschaftliches "Zusammenarbeiten" und Entwicklungs-"Hilfe", verstärkt durch ihre militärischen Kräfte, um ihren politischen und wirtschaftlichen Einfluß aufrecht zu erhalten -- so sind sie nicht die einzigen Länder mit Streitkräften. Wie rekrutieren also die Staaten, die auch eine große militärische Rolle spielen, ihre Armeen?

China

Theoretisch hat China ein gemischtes System aus Wehrpflicht und "freiwilliger" Rekrutierung. Nach dem Gesetz "ist es die glorreiche Pflicht jedes chinesischen Bürgers, in der Armee zu dienen und militärischen Organisationen beizutreten". Das Wehrdienstgesetz der Volksrepublik China legt fest, dass männliche Bürger, die zum 31. Dezember jeden Jahres 18 geworden sind, zum aktiven Wehrdienst herangezogen werden können. Diejenigen, die in dem Jahr nicht herangezogen werden, können bis zum 22. Lebensjahr noch einberufen werden.

Die Volksbefreiungsarmee hat in Friedenszeiten eine Stärke von 2,3 Millionen Soldaten. Jedoch erreichen jedes Jahr mehr als 13 Millionen junger Männer das Wehrdienstalter. Durch Chinas riesige Bevölkerung und dadurch eine große Anzahl Freiwilliger für die normale Armee, hat Wehrpflicht praktisch kaum eine Bedeutung, und der Wehrdienst in der Volksbefreiungsarmee ist völlig freiwillig. Alle 18jährigen müssen sich selbst bei den Behörden einschreiben. Die vorwiegende Ausnahme in diesem System sind potentielle StudentInnen (männliche und weibliche), die militärisches Training (normalerweise für eine Woche oder mehr) mitmachen müssen, bevor ihre Studien beginnen oder -- was öfter der Fall ist -- ein Jahr nach Ende ihrer Studien (§43 des Wehrdienstgesetzes).

Indien

Indien rühmt sich der drittstärksten Streitkräfte der Welt, mit 1,3 Millionen aktiven Soldaten allein in der Armee. Die Rekrutierung ist zwar freiwillig, aber die wirtschaftliche Situation des Landes -- in der mehr als ein Viertel der Bevölkerung offiziell unterhalb der Armutsgrenze lebt -- garantiert eine hohe Zahl potentieller Rekruten.

Laut Auskunft durch die indische Armee erhält ein Infantrist (Sepoy) ein Anfangsgehalt von 3050 bis 4650 Rupien (80-120 US$).

Die hauptsächliche Rekrutiermethode sind sogenannte "Sammelrekrutierungen", die in verschiedenen Städten regelmäßig durchgeführt werden. Und es gibt keinen Mangel an potentiellen Rekruten: der 21jährige Ghulam Ahmed sagte, er habe keine andere Wahl, als in die Armee einzutreten, um seine drei Schwestern und seine Mutter zu ernähren, nachdem sein Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam."Ich habe keine Arbeit, und diese Sammelrekrutierung hat mir Hoffnung gegeben," sagte Ahmed, völlig außer Atem, nachdem er von den Rekrutierern einem mörderischen physischen Durchhaltetest unterzogen worden war.

Das Hauptproblem ist nicht der Mangel an Rekruten, sondern die Korruption. Potentielle Rekruten versuchen, sich durch Bestechung in die Armee zu bringen, und falsche Rekrutierer lauern auf Personen, die unbedingt eine Arbeit beim Militär brauchen.

Laut Jahresbericht des indischen Verteidigungsministeriums "gibt es elf Zonen-Rekrutierungsbüros, zusätzlich zu 47 Regimentszentren, die in Sammelaktionen in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich rekrutieren. Anstrengungen werden unternommen, in jedem Distrikt des Landes mindestens einmal im Jahr eine solche Sammelrekrutierung durchzuführen. Während des Rekrutierungsjahres 2005/2006 hat die Rekrutierungsorganisation 27911 Rekruten für die Armee angeworben.

Ähnlich wie andere Länder auch, unterhält Indien ein staatliches Kadetten-Corps, welches 8410 Schulen und 5251 Colleges in fast allen Distrikten des Landes umfaßt. Insgesamt 1,3 Millionen indische Jugendliche sind in Kadetten-Corps.

Die Coalition to Stop the Use of Child Soldiers (die Koalition gegen den Einsatz von Kindersoldaten) berichtete 2004, dass man ab dem Alter von 16 Jahren in die indische Armee eintreten kann. Zur Zeit steht auf der Webseite der indischen Armee ein Mindestalter von 17 1/2 Jahren für bestimmte Ränge und Berufe.

Während es keinen Mangel an Rekruten für die Ränge (unter Offizier) gibt, mangelt es der indischen Armee an Offizieren. Nach offiziellen Auskünften fehlen in der Armee 11.371 Offiziere in den Rängen "Lieutenant Colonel" und tiefer. Vor kurzem gab es eine Debatte über die Einführung einer Wehrpflicht für Personen mit höherer Schulbildung oder Regierungsangestellte, aber eine solche wurde durch die indische Regierung abgelehnt.

Einberufung aufgrund von Armut

Während Antimilitaristen in Diskussionen über die Einberufung zum Militär in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Großbritannien von einer "Einberufung aufgrund von Armut" sprechen, trifft dies noch mehr auf China und Indien zu. Die politische Elite Indiens würde zwar zur Zeit keine antimilitaristische Propaganda zulassen, aber das Problem in Indien liegt ganz woanders. Im Lande Ghandis existiert Antimilitarismus fast gar nicht. Potentielle Aktivisten gegen Rekrutierung sähen sich einer "Einberufung aufgrund von Armut" gegenüber, die es fast unmöglich machen würde, Leute vom Eintritt in die Armee abzuhalten. Ein klarer Hinweis darauf, dass die Entwicklung wirtschaftlicher Alternativen in unserem Kampf gegen den Militarismus absolut notwendig ist.