Graswurzel-Arbeit und gewaltfreie Strategien

Graswurzelaktivismus ist das Hauptanliegen der War Resisters' International. Deshalb wurde dieses Forum für den Abschlußabend der Konferenz geplant. Jeder Teilnehmer an diesem Forum mußte zuerst die Geschichte seiner Arbeit für Frieden und Gerechtigkeit erzählen. Joanne Sheehan machte den Anfang und erzählte von der gewaltfreien Besetzung des Seabrook-Atomkraftwerkes in New Hampshire. Joanne war in den Vereinigten Staaten eine Trainerin für Gewaltfreiheit, Organisatorin und Teilnehmerin an dieser Kampagne. Joanne erzählte, daß (um eine große Zahl von Leuten, die sich der Gewaltfreiheit verpflichtet fühlten bis hin zu dem Entscheidungsfindungsprozeß) alle Teilnehmer Gewaltfreiheits-training machen, sich gewaltfreien Richtlinien verpflichten, Mitglied einer Gruppe (die Entscheidung durch Konsenz trifft) sein und sich der Solidarität verpflichten mußten. 2400 Leute besetzten das Gelände, 1415 wurden festgenommen und eingesperrt, während die Opposition gegen Atomkraft ein nicht mehr zu ignorierendes Thema wurde. Sie wurde zum Modell für gewaltfreie Graswurzelaktionen in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus.

Dr. Luis Nieves Falcon eröffnete seine Präsentation mit Geschichten führender Puertoricaner. Er erzählte von der Erniedrigung, die Alejandrina Torres in US-Gefängnissen erlitten hat. Sie war eine politische Gefangene, die der "staatsgefährdenden Verschwörung" angeklagt wurde, weil sie an einer Kampagne für eine Ende des US-Kolonialismus teilnahm. Sobald sie nach 20 Jahren Haft entlassen wurde, setzte Alejandrina ihre Arbeit für die Verbesserung ihrer Gemeinde und Völker fort.

Eduvina Vilches, eine 70 Jahre alte Popladora (Graswurzelfrau), die in einer der vielen Barrackensiedlungen am Außenrand Santiago de Chiles lebt, erzählte von dem andauernden Überlebenskampf der Armen gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Letztere zieht ein Mangel an Gelegenheiten, Verbrechen, Drogenabhängigkeit und viele andere Probleme nach sich, die die Gewaltspirale am Leben erhalten. Sie erzählte davon, wie sie in ihrem Leben ihre eigenen vielen Kinder und Kinder von ihren Verwandten und von anderen Leuten großzog, um sie von diesen Problemen fernzuhalten und ihnen eine Chance auf eine bessere Zukunft zu geben.

Die Teilnehmer sprachen dann über die Geschichten ihrer Bewegungen, die sie beeinflußt hatten.

Joanne sprach über Geschichten, die sie im Laufe der "Listening Project Community Surveys" gehört hatte. Zuhörprojekte sind ein gewaltfreier Weg, um Leute zu ermutigen, sich ein Thema besonders anzusehen und dadurch den Organisatoren Informationen zu liefern, auf denen sie zukünftige Strategien aufbauen können.

Luis Nieves Falcon sprach von Carlos Zenon, einem Fischer aus Vieques, der sein ganzes Leben als Erwachsener gewaltfrei für ein Ende der Militärbesetzung und der Bombardierung seiner Heimat gekämpft hat. Das kostete ihn seinen Lebensunterhalt, seine Gesundheit und die seiner Familienmitglieder und den Frieden.

Eduvina erzählte davon, wie sie während der Pinochet-Diktatur Musikern und Künstlern half, indem sie deren Kinder betreute, während diese auf Tournee gingen oder Aktionen veranstalteten. Sie tat das, um ihnen zu ermöglichen, das Bedürfnis nach Veränderung und Kultur zum Ausdruck zu bringen. Sie sagte, daß sie viele Jahre fast keine Möglichkeit hatten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und somit keine Chance, jemanden für die Kinder zu engagieren, während sie unterwegs waren. Sie betreute die Kinder, unterstützte ihre Aktionen und ermutigte sie gleichzeitig dazu, weiterzumachen. Sie sagte ihnen auch, daß sie nie die Chance hatte über die Grundschule hinaus zu lernen, weil sie so arm war, und daß sie Bücher gelesen hatte, die sie in den örtlichen Büchereien oder den Haushalten finden konnte, in denen sie als Mädchen arbeitete. Dadurch wollte sie ihnen zeigen, daß das Lebendighalten der Kultur ein Weg aus Armut, Ausgrenzung und Ignoranz ist. Es ist auch ein Weg, Verbrechen und Sucht zu verhindern.

Joanne sprach abschließend darüber, wie das Geschichtenerzählen unter Frauen funktioniert, wie es verwendet wurde, um über Grenzen und Zeit hinweg Beziehungen zu knüpfen. Joanne erzählte von 2 ½ Tagen, die sie mit einer Gruppe von 18 Frauen aus 13 Ländern verbrachte, um Erfahrungen in der Arbeit für Gerechtigkeit und Frieden auszutauschen. Bei ihrem Zusammentreffen vor dem Den Haager Friedensappell erzählte jede der Frauen eine Geschichte darüber, wie sie mit einer Konfliktsituation umgegangen ist. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit waren sie in der Lage, ein gemeinsames Verstehen von Krieg (den sie nicht nur als bewaffneten Konflikt definierten sondern auch als alltägliche Gewalt gegen Menschen) und Frieden (nicht nur Waffenstillstand sondern das Vorhandensein von Gerechtigkeit und Gleichheit) zu finden.

In seinen Überlegungen hinsichtlich des internationalen Einflusses auf die unterschiedlichen Graswurzelbewegungen in Puerto Rico nannte Dr. Nievel Falcon die "Plowshares"-Abrüstungsbewegung, die Zapatistas aus Mexiko und die WRI als Hauptquellen der Inspiration und Solidarität.

Eduvina sagte, daß Poeten, Musiker und Künstler im allgemeinen geholfen haben, in der ganzen Welt bekanntzumachen, was in Chile vor sich ging. Dadurch - und durch andere Aktionen - entstand die internationale Solidarität. Es half auch dabei, ein allgemeines Bewußtsein für alle stattfinde Willkür zu schaffen und die Kultur in Chile auf einem hohen Niveau zu halten.