Kobane ist Leben, wir weigern uns für das Leben

Merve Arkun

Nach dem Verlust zahlloser Menschen in einem Krieg, den die Republik der Türkei gegen das kurdische Volk unternommen hat, gibt es nun einen Prozess, den sie den „Lösungsprozess“ nennen. Sie haben diesen Schritt beschrieben als eine Unternehmung, um den Dialog mit der kurdischen Bewegung zu entwickeln. Jahrelang wurde erwartet, der „Lösungsprozess“, der 2009 anfing, solle dieser Region „Frieden“ bringen. Aber der Staat hat seinen Reflex, Frieden mit Gewehren, Panzern und Bomben zu schaffen, nicht aufgegeben – wie zum Beispiel in Roboski, wo 34 kurdische Dorfbewohner in einem Bombardement der türkischen Streitkräfte umkamen. Auch wenn ein sogenannter „Waffenstillstand“ erklärt wurde und einige bewaffnete Gruppen sich an einen Ort außerhalb der Grenzen zurückzogen, wurden weiterhin während des Prozesses Angriffe gegen kurdische Menschen in jedem Teil dieser Region durchgeführt. Wieder gab es Trauer in den Häusern; Trauer über diejenigen, die gestorben waren – vielleicht nicht auf dem Schlachtfeld, aber auf den Straßen durch Angriffe von Polizei oder Soldaten.

Sozialer Wandel und Rojava: Ziel von ISIS

Nachdem die syrische Grenze am Ende des internen Krieges, der in der Region vier Jahre lang andauerte, praktisch verändert wurde, änderte sich die Grenze zur Türkei mit der Eroberung von Mossul (einer der größeren Städte im Irak) durch ISIS ebenfalls. Der „unaufhaltsame“ Fortschritt von ISIS war das klarste Zeichen von Erfolg, das Sorgen in der Region auslöst. In diesem Fall bezog sich „unaufhaltsam“ auf uns als vergewaltigte Frauen, enthauptete Kriegssklaven, Sklavenmärkte, zahllose Massaker und diejenigen, die aus ihrer Gegend vertrieben wurden.

Als die Angriffe von ISIS auf den Prozess sozialen Wandels im Mittleren Osten sich auf Kobane konzentrierten, wuchs der Widerstand. Kobane war mehr als bloß eine Stadt, die versuchte, der Drohung von ISIS standzuhalten: Es ist die Hoffnung einer sozialen Revolution in der Region geworden. Und genau an diesem Punkt wurden diejenigen, die in Kobane widerstehen, diejenigen, die für das neue Leben Widerstand leisten, das geschaffen worden ist.

Kobani hinter „Friedenspolitik“

Der Widerstand in Kobane, der jetzt drei Monate anhält, wird in vielfältiger Weise unterstützt durch die soziale Opposition, und die Stimme der Widerständler übersprang die Grenzen. Nun erhebt sich eine gemeinsame Stimme und ein gemeinsamer Kampf gegen die wachsenden Kriege und Massaker der Staaten.

Die Angriffe gegen Rojava und Kobane, monatelang die Basis der Propaganda einer „Friedensmission“ der westlichen Staaten, wandelten sich auch in den „Traum einer Friedenserzwingung über die Grenze“ für die Türkei während dieser Zeit. Die Regierung ermöglichte aufgrund des Gesetzes, das sie im Oktober durchs Parlament brachte, ihre Militärmacht auf die andere Seite der Grenze zu schicken und die Grenze unter Kriegsbedingungen zu setzen. Die Tore des Grenzübergangs Suruç sind für Kriegsflüchtlinge geschlossen, aber offen, um Waffenlieferungen zu unterstützen; “friedensstiftende Soldaten” wurden gegen zehntausende Einwohner von Kobane eingesetzt, die aus dem Krieg geflohen waren; zum ersten Mal nach der Anwendung der “Außergewöhnlichen Maßnahmen” (OHAL) in den 1990-ern wurde in diesen Gebieten das Kriegsrecht angewendet. Dutzende Menschen, die auf den Straßen waren – die Stimme derjenigen, die versuchen, in Kobane zu überleben und diejenigen zu unterstützen, die an der Grenze Widerstand leisten – wurden durch Polizeiangriffe und Schüsse von Soldaten umgebracht.

Während die Wirkungen des Krieges auf “dieser” Seite der Grenze und in Kobane weitergehen,während die Verluste von Tag zu Tag zunehmen, wächst auch die Stimme derjenigen, die diesem Krieg widerstehen. Die Menschen machen sich von allen vier Seiten der Region an die Grenze zu Kobane auf und versuchen eine sichere Linie zu schaffen, als Menschenkette; aber die Staatsarmee und Staatspolizei setzen ihre Angriffe fort, um diese Solidarität zu brechen. Während die Staaten hinter den Grenzen, die sie gezogen haben, sich auf neue Kriege vorbereiten unter dem Namen der “Sicherheitspolitik”, auf neue Massaker hinter den Lügen der “Friedenseinsätze”, widerstehen einige Menschen dieser Politik, diesen gezogenen Grenzen, diesen Bühnen, die für neue Massaker zurechtgemacht werden.

Das Gewissen an der Seite von Kobane

Die Bewegung der Kriegsdienstverweigerung in diesen Ländern steht seit Jahren gegen den Krieg und für das Leben. Diejenigen die sich weigern, das Blut ihrer Brüder zu vergießen, zu sterben, zu töten, haben seit Jahren widerstanden. Auch wenn der Staat versucht hat, sie in seinen Militärgefängnissen mit Unterdrückung und Folter zu zermürben, haben die Kriegsdienstverweigerer nicht aufgegeben und weiterhin das Leben verteidigt.

Kriegsdienstverweigerer sind immer wieder aufgetreten, mit jeder neuen „grenzüberschreitenden Operation“, jeder Kriegsvorbereitung, jedem Massaker, das vom Staat mit seinen Soldaten und Armeen verübt wurde: Deswegen verweigern wir und werden wir weiter verweigern. In der „Befreiungsoperation“ gegen den Irak, zahllosen Bombardierungen in Richtung Gaza, in jeder Bombe, die auf Roboski geworfen wurde, hat das Gewissen sich geweigert, die Waffen der Staatshände zu halten und ein Teil der geplanten Kriege zu werden.

Nun, während auf „jener“ Seite der Grenze tausende Herzen den Mörderbanden widerstehen, gegen die Staaten, die neue Massaker planen in Zusammenarbeit mit Mördern, erheben Kriegsdienstverweigerer auf „dieser“ Seite der Grenze ihre Stimme zur Unterstützung des Widerstandes und nehmen den Kampf für Freiheit auf. Nachdem Hakan Baksur von der Polizei mitten auf der Straße ermordet wurde, nachdem Necmettin Çelik von Sicherheitskräften ermordet wurde, nachdem der achtjährige Remezan aus Rojava von dem Geschoss eines Soldaten an der Grenze zu Qamişlo getötet wurde, erhebt unser Gewissen Einspruch.

Viele Menschen in vielen Teilen der Region, die die Angriffe auf Kobane verurteilen, gehen auf die Straßen: Die vereinigte Gewalt von Polizei und Armee und die staatliche Unterdrückung versucht sie einzuschüchtern; die Kriegsdienstverweigerer in diesen Ländern, Antimilitaristen und diejenigen, die sich dem Krieg widersetzen, weigern sich, an die staatliche Lüge zu glauben, dass sie an die Grenzen Frieden bringen werden.

Das Gewissen der Menschen erhebt Einspruch gegen ISIS, fabrizierte Gewalt für Massaker; es erhebt Einspruch gegen die Waffenhilfen durch den Staat, die die Basis für neue Massaker bieten würde; es erhebt Einspruch gegen die Türen, die für diejenigen verschlossen sind, die dem Krieg entkommen wollen; gegen die Angriffe durch Polizei und Militär auf diejenigen, die für ihr Leben widerstehen; die Tyrannei gegen diejenigen, die gezwungen wurden, ihre Häuser, Dörfer, Ländereien zu verlassen und umherzuziehen; gegen die Versklavung von Frauen auf Sklavenmärkten; das Massaker von Kindern im Bombenregen; das Gesetz, das im Parlament hinter den Lügen des “Friedenseinsatzes” durchgebracht wurde, alle die Massaker, für die bereits die Bühne bereitet wird.

Nun erhebt das Gewissen Einspruch, um ihre Stimmen zu vereinigen mit den Stimmen derjenigen, die in Kobane auf Kosten ihres Lebens widerstehen, ein Volk das versucht, das Leben zu erhalten, indem es vor dem Krieg flieht.

Die Stimme, die sich von hier und Kobane erhebt, ist die Stimme des Friedens statt des Krieges und der Vorbote eines neuen Lebens ohne Grenzen.

Übersetzung aus dem Englischen: Gerd Büntzly