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Aufruf zu einer Gewaltfreiheitsstrategie durch die Globale Friedens- und Gerechtigkeitsbewegung

Stellan Vinthagen, Mitglied des Komittees der WRI-Dreijahrestagung, and Abteilung für Friedens- und Entwicklungsforschung, Universität Göteborg, Schweden. stellan.vinthagen@padrigu.gu.se

Wir leben in einer historischen Zeit des sozialen Wandels. So wie Wirtschaft, Staatsregime und Kriege globalisiert werden, werden das auch die sozialen Kräfte der Bewegungen. 2003 demonstrierten mehr als 15 Millionen Leute auf der ganzen Welt gegen den Krieg im Irak. Die Treffen der "globalen Bewegung der Bewegungen" auf dem Internationalen Sozial-Forum (WSF) werden immer größer. An dem letzten Treffen in Brasilien nahmen 150.000 Leute teil. Diese globale Friedens- und Gerechtigkeitsbewegung hat Schlüsse gezogen aus früheren Reformstrategien von nationalen Parteien/Wahlen und Revolutionen bis hin zu bewaffneter Rebellion – und man sucht jetzt eine gewaltfreie Strategie für den sozialen Wandel. Wir müssen untersuchen, wie wir das Wissen und die Erfahrung aus mehr als einem Jahrhundert an gewaltfreier Widerstandstradition in die heutige globale Bewegung einbringen können. War Resisters' International ruft zur Mobilisierung gewaltfreier Aktivisten, Trainer, Organisatoren und Studierenden auf, um einen langfristigen Plan auszuarbeiten. Eine der besten Gelegenheiten zu solchen Diskussionen ist die internationale Konferenz "Gewaltfreiheit globalisieren" im Juli 2006 in Deutschland. (http://gewaltfreiheitglobalisieren.org).

Spätestens seit Beginn der Neunziger Jahre waren lokale Aufstände im Süden, internationale Gegen-Konferenzen und Kampagnen, die die Weltregime mit den Buchstabensuppen-Namen (WTO, WB, IMF etc.) anvisierten, zunehmend global vernetzt. Während des "N30" in Seattle 1999 erzielte die Bewegung einen bedeutsamen symbolischen Sieg, durch die Zusammenarbeit von "teamsters and turtles" und anderer kritischer Bewegungen, weil sie eine zum Abschluss des WTO Treffens eine gut ausgearbeitete gewaltfreie Widerstandsstrategie angewendet haben. Von da an entstand eine bisher nie dagewesene globale Bewegung. Der von den Teilnehmern des Europäischen Sozialforums in Florenz (Italien) beschlossene Protest gegen den Irakkrieg am 15. Februar 2003 war wohl der größte in der Geschichte. Zwischen 15 und 30 Millionen Leute protestierten gemeinsam durch eine Kombination vorhandener Netzwerke und das Internet, ohne eine zentrale internationale Koordination. Die drei letzten internationalen Sozial-Forums-Treffen (Brasilien 2003, Indien 2004 und wieder Brasilien 2005) vereinigten jedes Mal erstaunliche 100.000 Teilnehmer. Über 1000 unterschiedliche Organisationen und Bewegungen aus mehr als 120 Ländern haben in über 1000 Workshops und Seminaren bei jedem dieser letzten Treffen des Netzwerks von Bewegungen (das einer wirklich globalen Friedens- und Gerechtigkeitsbewegung am nächsten kam) interagiert. Was auch wichtig ist: bis jetzt gibt es kein Zeichen dafür, dass dieses globale Netzwerk kleiner wird, außer in den Medienberichten (natürlich). Allerdings existiert eine politische und strategische Unklarheit, die auf lange Sicht diese hoffnungsvolle Herausforderung an Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt zur Auflösung bringen könnte.

Neben der problematischen Suche nach einer gemeinsamen Basis für politische Forderungen – breit genug für eine globale Mobilisierung, aber auch begrenzt genug, um Verschiedenartigkeit zuzulassen – fehlt eine kohärente Strategie. Derzeitige globale Konfrontationen, wie in Prag mit der Weltbank, in Götheborg mit der EU oder in Genf mit dem G8-Treffen zeigen ein Doppel-Problem auf: gewalttätige Aufstände und unwirksamer gewaltfreier Widerstand. Diese und andere Protestaktionen konnten keine effektiven gewaltfreien Konfrontationen und neue kohärente Strategien für gewaltfreies Engagement mit globalen Kräften organisieren. Die Entwicklung der "Schlacht von Seattle" war nicht möglich, da die Polizei schneller neue Taktiken lernt als die Aktivisten.

Dieses Doppelproblem – gewalttätige Aufstände und unwirksamer gewaltsamer Widerstand – resultiert teilweise aus einem Mangel an Erfahrung mit Gewaltfreiheit innerhalb der Bewegung. Sehr wenige Leute, die die Theorie der Gewaltfreiheit und die Praxis der Bewegung kennen, nehmen an der Organisation innerhalb dieser Bewegung teil (mit ein paar Ausnahmen in den USA). An dem Internationalen Rat (der der Führungsausschuss des WSF ist) nehmen mehr als 120 verschiedene Organisationen teil, aber nicht eine einzige aus der Tradition des gewaltfreien Widerstandes kommende Friedensorganisation (z. B. War Resisters' International, Nonviolence International, Network of Engaged Buddhism oder International Fellowship of Reconciliation) – trotz der globalen Friedensdemonstration am 15. Februar 2003.

Es ist bereits klar, daß diese globale Bewegung nicht einfach ein spontane sondern eine andauernde Mobilisierung darstellt. Sie könnte sogar zu einer ähnlich historischen Mobilisierung werden, wie die modernen Friedens-, Anti-Sklaverei-, Feminismus- und Arbeiterbewegungen vor 150 Jahren werden, die unsere Gesellschaft grundlegend veränderten. Wie die Rebellionen im Jahre 1968 entwickelt sie sich aus fundamentaler Kritik an der Wahlpolitik der Nationalstaaten, aber sie sucht keine Lösung durch "neue" linke Parteien oder bewaffnete Kämpfe der "Völker", wie das die Radikalen der 70er Jahre forderten. Das WSF sucht ausdrücklich unbewaffnete Politik ohne Wahlen (siehe die Charter des WSF auf  http://www.forumsocialmundial.org/) – eine Art "gewaltfreien sozialen Widerstand" ohne hervorzuheben, was das wirklich bedeutet.

Zu Beginn des vierten World Social Forums am 18. Januar 2004 in Indien ruft die weltbekannte Autorin und Narmada-Anti-Dam-Aktivistin Arundhati Roy in einem Artikel (der gleichzeitig in zahlreichen Ländern veröffentlicht wurde, siehe _www.infochangeindia.org <http://www.infochangeindia.org/>_ ) zu einem gewaltfreien Widerstand auf, der über "Freizeitproteste, die keine Kriege beenden" hinausgeht. "Wir dürfen es nicht zulassen, dass gewaltfreier Widerstand zu ineffektivem politischem Wohlfühltheater verkümmert," sagt sie. Sie ruft uns auf zu verstehen, dass wir Teil eines Krieges sind und dass unser Widerstand für die politisch-wirtschaftliche Elite auch materiell spürbar sein muss. "Wir müssen dringend über Widerstandsstrategien sprechen" – genau dessen möchte sich die WRI annehmen. In dieser Hinsicht hat WRI bereits eine Kampagne gegen Kriegsprofiteure gestartet, die während der Dreijahrestagung weiterentwickelt werden wird.

Die jetzige globale Bewegung ist meiner Meinung nach bereit, gewaltfreie Widerstandsstrategien anzunehmen als ihre Einstellung zu Politik und gesellschaften Wandel. Die Sprache der Gewaltfreiheit gibt es bereits in zahlreichen Workshops, Erklärungen und Organisationen: gleichgesinnte Gruppen, Ungehorsam, friedlich, Dialog, Richtlinien, usw.

Aber da bisher keine gewaltfreien Strategien angenommen wurden diskutiert man nun weiter darüber, sich von globalen Konfrontationen abzuwenden. Die Konfrontationen werden als unproduktiv angesehen und zu sehr sehr als symbolisches Eindreschen auf die Logos der gegenwärtigen Weltordnung (Bush, WTO, G8, usw.). Man möchte lieber Alternativen aufzeigen und lokalen Widerstand aufbauen. Naomi Klein, die Begründerin von "No Logo" ist eine der Gegnerinnen des gegenwärtigen "McProtest". Man legt großen Wert auf konstruktive Alternativen – die ja ein zentraler Punkt der Art von gewaltfreier Strategie sind, die Ghandi vorgeschlagen hatte – aber das Problem ist, dass es noch keinen Ansatz für Widerstand gibt.

Meiner Meinung nach fehlen offensichtlich das Wissen und die Erfahrung, die die historischen gewaltfreien Bewegungen entwickelten, und deren Bedeutung für den heutigen Widerstand. In der Bewegung und der WSF-Führung scheint nicht genug Verständnis dafür vorhanden zu sein, was es bedeutet, einen nicht parteilichen und unbewaffneten politischen Kampf zu wählen, der die Machtverhältnisse herausfordert.

Das Rad wurde wieder neu erfunden, da wir nicht voneinander lernen; die Betonung der gleichgesinnten Gruppen z. B. wurde nicht in Seattle erfunden, sondern wuchs aus der Frustration durch die Machthierarchien der Bürgerbewegung. Dies war notwendig, um Graswurzelgruppen zur Beteiligung zu ermutigen und Krawallmacher zu kontrollieren. Der Durchbruch kam 1976 mit Seabrook (angeregt durch Besetzungen in Deutschland), als Tausende gemeinsame kreative Aktionen durchführten, auf der Basis eines dezentralisierten Netzwerks von gleichgesinnten Gruppen und Richtlinien. Diese Erfahrung wurde in der neuen globalen Bewegung vollkommen vergessen – ausgenommen in Seattle 1999 – deshalb wollen wir Seattle betonen! Seattle war ein Sieg einer konfrontativen und pragmatischen gewaltfreien Strategie, nicht von legalen Demonstrationen oder gewalttätigen Krawallen. Wenn, wie in Prag 2000, Gewaltfreiheit versucht wird, tut man das ohne die Leute, die ihre Lektionen aus den Experimenten mit dieser Aktionsform seit 1976 gelernt haben, und das Ergebnis sind gewalttätige Krawalle, über die mit den Bildern brennender Autos und Polizei in der ganzen Welt berichtet wird.

Die Rolle des gewaltfreien Widerstands

Die Stärke jeder globalen Bewegung radikalen sozialen Wandels ist wohl die wirklich verbundene Kooperation zwischen einer Vielzahl lokaler täglicher Kämpfe um die ganze Welt. Meiner Meinung nach gibt es keine Wahl zwischen zusammengefaßten globalen Konfrontationen mit den Mächten und dem Aufbau lokaler Alternativen. Es ist eigentlich die schwierige Aufgabe, die notwendige Kombination aus den NEINs und Jas der Bewegungen sowohl lokal als auch global herzustellen. Das Einzigartige an gewaltfreiem Widerstand sind – lt. Barbara Deming und anderen – die zwei Seiten der Gewaltfreiheit: einerseits der Respekt des Gegners als Person und andererseits die absolute Ablehnung der schlechten Handlungen eben dieser Person. Wir können eine solche transformative Bewegung nur durch die Anwendung einer Mischung von gewaltfreien Strategien bilden, aber nicht von den spezifischen Gewaltfreiheitsarten, die wir bei unseren bisherigen lokalen, nationalen oder teilweise transnationalen Kämpfen um einzelne Theme angewendet haben. Dieses Mal wird es eine Bewegung aus zahlreichen Bewegungen, eine, die nicht nur die lokalen/globalen Ebenen der Politik transzendiert, sondern auch die Idee von in bestimmte Gebiete (z. B. Militarismus, Wirtschaft, Kultur oder Umwelt) oder Themen (z. B. Atomwaffen, Wehrpflicht, genmanipuliertes Getreide und das Landwirtschaftsgeschäft oder tausend andere Themen mit schlechten Auswirkungen des heutigen internationalen Systems) geteilte Politik. Diese Bewegung wird richtig verschiedenartig sein, so wie das soziale Leben und die Vielzahl von Taktiken, die zum Schutz dieses Lebens benötigt werden. Was das für gewaltfreien Widerstand bedeutet, ist schwer zu verstehen, aber es ist ganz bestimmt etwas Anderes. Wir brauchen einen umfassenden strategischen Rahmen, der die verschiedenen Kontexte und Bedürfnisse abdeckt.

Also, die globalen Bewegungen brauchen eine gewaltfreie Strategie und die historischen gewaltfreien Bewegungen haben das Wissen und das Können, aber nicht das angemessene erforderliche globale Repertoire. Das stellt gewaltfreie Aktivisten und Forscher die Herausforderung, etwas Neues aus den gemachten Erfahrungen zu entwickeln.

Ansätze, die die Machtverhältnisse kritisieren (wie Feminismus und Anarchismus), sowie gewaltfreier Widerstand waren normalerweise nur marginal zu der hauptsächlichen Oppositionspolitik – dies ist heute nicht unbedingt mehr der Fall. Zumindest scheinen heute mehr Ansätze nötig zu sein, die sich nicht nur kritisch mit Unterdrückung und Gewalt jeglicher Art beschäftigen, sondern die auch die aus Jahrhunderten von Erfahrung entstandenden praktischen Werkzeuge haben. Ich glaube fest daran, dass den globalen Bewegungen die Wahl einer umfassenden Alternative zu den jetzigen normalen politischen Traditionen gegeben werden muss. Wenn die bevorstehenden Auseinandersetzungen mit globaler Konfrontation nicht auf der (begrenzten aber wohl fundierten) historischen Erfahrung der gewaltfreien Bewegungen aufgebaut werden, dann wird diese zerbrechliche Bewegung der Bewegungen wenige effektiv sein und könnte sogar ihr Mobilisierungsmomentum und ihre Kapazität für einen andauernden Wandel verlieren.

Es gibt natürlich bereits große Versuche durch verschiedene andere politische Traditionen, vor allem Trotzkiismus, Schwarzer Block (militante gewaltbereite Anarchisten) und sozialdemokratische Parteien, die alle versuchen, die Entwicklung der Politik der globalen Bewegung zu beinflussen.

Aber nicht nur der globalen Bewegung fehlt das Verständnis einer gewaltfreien Strategie – uns, die wir seit langem mit Gewaltfreiheit arbeiten, fehlt ein globales Verständnis von Gewaltfreiheit.

Globalisierung und neue Bedingungen für gewaltfreie Aktionen

Sowohl das frühere als auch das heutige Verständnis gewaltfreier Aktionen leidet an zwei großen Schwachpunkten: Der Fokus auf den Wandel von Staatsregimen (obwohl man in einer zunehmen globalen und marktorientierten Welt lebt) und der Fokus auf staatlich organisierte Kriege (obwohl diese Art von Krieg am Verschwinden ist). Keiner dieser Bereiche ist unwichtig, aber sie stellen weniger wichtige Probleme in unserer heutigen Welt dar. Die Globalisierung des Nationalstaates ändert die Bedingungen für gewaltfreie Aktionen in allen Staaten der Welt, in einigen mehr, in anderen weniger. Die neuen Kriege plagen nur ein paar Staaten, sind aber irgendwie in den meisten Staaten in ihren politisch-wirtschaftlichen Randbereichen präsent – z. B. in den Armenvierteln von New York, London und Berlin. Dieser einseitige Fokus auf den Staat kommt von Problemen, die die Gesellschaften seit Beginn der Moderne dominieren und zu älteren in Übereinstimmung mit diesen Problemen entwickelten Theorien passen.

Heutigen Machtverhältnisse und Gewaltdynamik rufen nach der Entwicklung neuer Fragen, Theorien und Methoden, die den spezifischen Möglichkeiten und Einschränkungen transnationaler und lokaler gewaltfreier Aktionen gegen unterschiedliche nichtstaatliche Akteure, z. B. transnationale Firmen, Rechnung tragen.

Manuel Castells u. a. zeigt auf, dass Globalisierung grundsätzlich die Rolle des Nationalstaates und des kapitalistischen Marketes fundamental verändert. Der Staat basiert seit der Schaffung des internationalen Systems in der Mitte des 17. Jahrhunderts auf gegenseitige Anerkennung der Souveränität jedes einzelnen Staates. Staaten schließen seitdem internationale Abkommen, d. h. Abkommen zwischen unabhängigen Staaten. Jetzt überschreiten transnationale multidimensionale Prozesse (aus Wirtschaft, Finanzen, Verbrechen, Information, Handel, Technik, Politik, Tourismus, Flüchtlinge usw.) Grenzen, die außerhalb der Souveränitätskontrolle eines Staates liegen. Der Staat verschwindet nicht unbedingt – ein paar brechen zusammen, während andere eine verstärkte Rolle als Vermittler innerhalb des globalen Machtnetzwerkes finden - aber die Rolle des Staates verändert sich definitiv. Viel hängt von der relativen wirtschaftlichen, administrativen und kulturellen Stärke des einzelnen Staates ab. Aber auch die globale Supermacht USA zeigt sich frustiert, weil sie die globalen Prozesse nicht kontrollieren kann.

Im Zuge dieses globalen sozialen Wandels wurden uns neue politische Institutionen gegeben, sogenannte globale Regime (WTO, IMF, die Weltbank, den internationalen Gerichtshof), die zusammen ein Patchwork nicht gewählter Kontrollmächte ohne Regierung ergeben. Wir haben auch eine neue Art von Kapitalismus bekommen, einen flexiblen vernetzten Kapitalismus, wie Castells ihn nennt, eine Art grenzenlose Markterweiterung. Diese Markterweiterung versteht sich natürlich geographisch, indem die neuen durch das Ende des Kalten Krieges geschaffenen Möglichkeiten genutzt werden, aber die Erweiterung ist noch viel grenzenloser – sie ereignet sich innerhalb der früher geschlossenen und bürokratischen Großkonzerne, innerhalb des früheren Privatbereichs der Familie, innerhalb der früher öffentlichen Bereiche der Zivilbevölkerung und sogar innerhalb der Sozialisierung der Persönlichkeit (durch die Unterhaltungsindustrie und die bedarfserzeugenden Medienfabriken). Die unsicheren (prekären) Arbeitsbedingungen aufgrund weit verbreiteter Produktionsflexibilität schaffen eine neue gesellschaftliche Kategorie, das "Präkariat", wie Hardt & Negri es nennen, das die zentrale Rolle des industriellen Proletariats einnehmen wird. Wir werden Teil einer Konsum-Kultur und zeitweise angestellte Diener der ausbeutenden sozialen Fabrik, "Gesellschaft" genannt, oder bleiben im Ödland, den Wüsten, aus denen man noch keinen Profit schlagen kann, z. B. in den afrikanischen Ländern um die Sahara. Der neue Kapitalismus ist grundlegend das Gegenteil der früheren Massenproduktionsindustrie der Großkonzerne, wie Ford, die für Massenverbrauch produzierten, wo jeder das gleiche Auto, den gleichen Kühlschrank, den gleichen Fernsehapparat kaufen sollte. Jetzt zielt die Produktionskreativität auf Individuen-/Gruppenauswahl und vorübergehende heutige Verbrauchertrends ab, sogar innerhalb z.B. oppositioneller Jugendkulturen in schwarzen Vororten oder Anti-Verbraucher-Kulturen in globalen Bewegungen. Die heutige Antwort auf den Protest in Seattle sind die Modenschauen in Paris, die die schicken Rebellionsklamotten und Che Guevara T-Shirts zeigen. Karl Marx hätte nicht schlecht über die Grenzenlosigkeit derzeitiger Profitkreativität gestaunt. Heute werden Profite aus immaterieller Produktion, Wissen und Kommunikationsnetzwerken geschlagen und – wichtig – aus der grenzenlosen Ausbeutung unserer Identitäten und persönlichen Bedürfnisse. "Drink Revolution Soda and Just Do it!"

Aber die Globalisierung schafft auch neue Arten sozialer Protestbewegungen. Die heutigen gewaltfreien Bewegungen beschäftigen sich weniger mit der Nationalstaatpolitik der poltischen Parteien oder Gewerkschaften. Sie konzentrieren sich zunehmend auf transnationale Beziehungen, individuellen Lebensstil und soziale Lebensformen im lokalen Kontext. Sie haben erkannt, dass die heutigen Kämpfe auf neuen Kampfplätzen und an neuen Fronten stattfinden. Das Parlament ist nicht mehr der zentrale Ort für die Politik.

Wir können es uns nicht leisten, die neuen globalen/lokalen gewaltfreien Aktionen nicht durchzuführen, nur weil wir nach Aktionen gegen den Nationalstaat-Apparat suchen. Wir müssen versuchen, sowohl die heutigen transnationalen als auch antikapitalistischen gewaltfreien Aktionen zu verstehen. Die transnationalen Bewegungen richten ihre Politik auf andere Regime als den Nationalstaat aus (global, regional und lokal). Die heutigen anti-neo-liberalen Akteure und Methoden unterscheiden sich von den klassischen nationalen Gewerkschaften und politischen Parteien, mit ihren (in liberalen Demokratien) nun gut etablierten Streiks der Arbeiter und Abstimmungen der Bürger.

Neue Kriege und neue Bedingungen für gewaltfreie Aktionen

Mary Kaldor hat aufgezeigt, dass "neue Kriege" nicht durch die zentralisierte Staatsbürokratie organisiert werden, sondern eher aus den zusammenbrechenden Staaten resultieren. Die neuen Kriege sind grundsätzlich das Gegenteil der traditionellen Art professioneller, öffentlicher und hierarchischer "Politik mit anderen Mitteln" des staatlich organisierten Militärs. Die neuen Kriege werden durch eine Privatisierung der Armeen angetrieben, und das Ziel dieser von der Identität getriebenen Gewalt ist die Zivilbevölkerung. Anstatt zu versuchen, von den Leuten legitim die Macht zu bekommen, erreichen sie die Kontrolle durch eine Politik der Angst und Uneinigkeit. Die von diesen Akteuren entwickelte "Kriegswirtschaft" macht einstmals illegale Aktivitäten, wie Drogen, Schmuggel, Prostitution, Schutzgelder und Diebstahl, zu der Haupteinkommensquelle für den geführten Krieg, den Aufbau von War-Lords und für den täglichen Unterhalt der armen Soldaten. Früher wichtige Unterschiede zwischen Krieg und Frieden oder Legitimität/Legalität und Kriminalität werden systematisch verzerrt. Kriegs-/Friedenszonen überschneiden sich und ändern sich andauernd; gut organisierte War-Lords werden nach Ende des Krieges sogar zu einer Art Halbautorität wegen ihrer Machtpolitik und weil sie in die sogenannten Friedensverhandlungen mit einbezogen werden.

Das hat beunruhigende Konsequenzen für die Forschung und die Praxis der gewaltfreien Aktionen, da der größte Teil der durchgeführten Gewaltfreiheitsforschung auf eine Verteidigung durch Zivilpersonen, gewaltfreie Aktion/Bewegung oder soziale Verteidigung in einem nationalen Rahmen und in Verbindung mit einer unbedingt legitimen Zentralregierung fokusiert. Wenn diese Grundlage der gewaltfreien Aktion sich ändert, bedeutet das, dass wir neue Möglichkeiten suchen müssen. Aber bevor wir wirklich kreativ Wege für neue gewaltfreie Aktionen gegen die heutigen Kriege untersuchen können, müssen wir mehr über die durch diese Kriege verursachten Probleme erfahren. Die Probleme, denen sich die gewaltfreie Aktion gegenübersieht, werden manchmal radikal anders sein als früher. Z. B. welchen Sinn macht es, durch gewaltfreien zivilen Ungehorsam das Gesetz eines Staates zu brechen, wenn der Staat den Krieg gar nicht führt? Gibt es andere Machtstrukturen, von denen die neuen War-Lords abhängig sind und die die gewaltfreien Aktivisten nutzen könnten, um Druck auszuüben?

Was wir tun wollen

War Resisters' International ruft zu diesem Treffen gewaltfreier Widerstandstrainer, Forscher, Aktivisten und Organisatoren auf, um zusammen herauszufinden, wie man strategischen gewaltfreien Widerstand in globalen Netzwerken leisten kann. Wir glauben nicht, dass wir bereits die Antwort darauf haben, wie mit diesem – milde ausgedrückt – gigantischen Vorhaben umgegangen werden soll, aber wir wissen, dass wir es versuchen müssen. Die Geschichte beruft uns dazu. Wir sind alle aufgerufen, etwas dazu beitragen zu wollen. Ich glaube noch nicht einmal, dass es das Ziel ist, eine Vereinbarung unter den gewaltfreien Expertengruppen zu erreichen, und ich denke definitiv nicht, dass es unser ultimatives Ziel ist, eine Vereinbarung in dem gesamten WSF oder der globalen Bewegung zu erleichtern.

Meiner Meinung nach kann und sollte nur ein Prozess der Verbreitung von Wissen und Interaktion von Erfahrung zwischen denjenigen geschaffen werden, die das theoretische und praktische Know-How über gewaltfreien Widerstand haben und denen, die das nicht haben (aber offen dafür und interessiert daran sind). Wir glauben, daß durch diese Dialoge und durch praktisches Engagement in Auseinandersetzungen innerhalb der Bewegungungen nach einer gewissen Zeit ein klareres Verständnis entstehen wird und einige der Aktionsnetzwerke gewaltfreien Widerstand als ihre Haltung gegenüber Politik annehmen werden. Das werden sie mit geschultem, kreativem und gutem Wissen tun.

Heutiger Basis-Aktionsplan:

Die grundlegende Idee ist, dass diese gewaltfreie Globalisierung klar benötigt wird, aber bis jetzt noch nicht geschehen ist. Was uns daran hindert ist, dass wir genug geschulte Organisatoren/Denker finden müssen, die sich dem Projekt verpflichten, sowie logistische Lösungen hinsichtlicher der Resourcen (Geld, Organisation, Kommunikation usw.). Deshalb ist es logisch, mit einem Treffen derer zu beginnen, die sich davon betroffen fühlen: das ist die Idee hinter der Dreijahrestagung in Deutschland im Juli 2006. Während dieses Treffens werden wir die Probleme und Möglichkeiten der Globalisierung von Gewaltfreiheit herausfinden.

Mein eigener Vorschlag ist, einen "Globalen Aufruf zum gewaltfreien Widerstand" zu machen, in dem wir Leute bitten, sich selbst für ein gemeinsames Interventionsprogramm in der globalen Bewegung zu verpflichten. Wir brauchen eine gewaltige Anzahl geschulter Leute, die sich für eine bestimmten Zeitraum engagieren.

Es gibt eine Reihe möglicher Treffen, auf denen gewaltfreie Strategien untersucht werden könnten: das europäische Sozialforum, das asiatische Sozialforum, das amerikanische Sozialforum, das afrikanische Sozialforum, das internationale Sozialforum im nächsten und den darauffolgenden Jahren. Auch während anderer Treffen (So hat z. B. das gewaltfreie, auf direkte Aktionen ausgerichtete Netzwerk "Peoples Global Action" (PGA) seine eigenen internationalen und kontinentalen Treffen.) wird es die Möglichkeit geben, solche Strategien zu besprechen.

Es wäre gut, wenn wir sowohl die Dokumentation gewaltfreien Widerstandes und die Forschung an den zukünftig zu behandelnden Schlüsselthemen durchführen könnten. Ein Buchprojekt wurde bereits gestartet über Fallstudien aus dem gewaltfreien Widerstand gegen Firmen – sowie ein neues Handbuch über Gewaltfreiheitstraining, welches die globalen Bedingungen der unterschiedlichen Auseinandersetzungen bestätigen wird. Man diskutiert auch darüber, ein Netzwerk von Forschern der Bewegung und Aktivisten-Autoren einzurichten.

Und wie immer werden Trainings, Bildungs-Workshops und Organisationshilfe für die Bewegungen/Organisationen benötigt, die Interesse an strategischem, gewaltfreiem Widerstand in den kommenden Jahren zeigen.

Ein paar müssen auch versuchen, in den Internationalen Rat des WSF zu kommen, um da auch Gewaltfreiheit zu fördern.

Aber vor allem ist es wichtig, dass wir erkennen, dass das derzeitige gewaltfreie Wissen, die Trainingsformen, die Strategie, die Organisations- und Aktionsformen (d. h. unser ganzes derzeitiges gewaltfreies Repertoire) in Übereinstimmung mit globalen Bedingungen weiterentwickelt werden müssen. Es ist noch nicht klar, wie diese spezifische Entwicklung aussehen muß, aber mein Hauptargument ist, dass wir anerkennen, dass wir uns in einer neuen Situation befinden. Die globalen Bewegungen werden uns die neue Situation lehren, und wir werden dann hoffentlich davon lernen und mit unserem Verständnis von gewaltfreier Strategie dazu beitragen können, dass die globale Bewegung der Bewegungen die heutige Weltordnung nicht nur herausfordert, sondern sie auch wirksam verändert.

Eine andere und gewaltfreie Welt ist möglich!

Web-Adressen (eine kleine Auswahl der alten und neuen Gewaltfreiheits-Adressen):

http://www.forumsocialmundial.org.br/ (World Social Forum)
http://www.fse-esf.org/ (European Social Forum)
http://ruckus.org/ (The Ruckus Society)
http://www.starhawk.org/activism/activism.html (Starhawk)
http://www.nadir.org/nadir/initiativ/agp/
http://www.indymedia.org Independent Media Center (IMC)
http://www.agitprop.org/artandrevolution/ (Art & Revolution)
http://www.warresisters.org (War Resisters League)
http://www.nonviolence.org/~nvweb/for/ (Fellowship of Reconciliation, FOR-USA)
http://www.peacebrigades.org/index.html (Peace Brigades, PBI)
http://www.cais.com/agf/cwindex.htm (Catholic Workers)
http://www.monde-solidaire.org/larzac-2003/uk/index.html (Larzac gathering against globalization, 2003)

Anmeldung und Informationen

War Resisters' International, 5 Caledonian Road, London N1 9DX, Britain
Telefon (Ortstarif): 018015 8558 53704, international: 0044 20 72784040
Fax: 0044 20 7278 0444

email: anmeldung@gewaltfreiheitglobalisieren.org
web: gewaltfreiheitglobalisieren.org/regform-de.html