Image linked to donate page Image linked to Countering the Militarisation of Youth website (external link) Image linked to webshop

Benutzeranmeldung

Interface language

Diaspora link
Facebook link link
Twitter link
 

Die Welt schwieg still, während wir abgeschlachtet wurden

Ayah Bashir

Warum gibt es keinen Schutz oder die Verpflichtung, internationales Recht und UN-Resolutionen anzuwenden, wenn es um das palästinensische Volk geht?“

Vor der jüngsten Offensive Israels gegen Gaza verlangte ein Mitglied der Knesset, Ayelet Shaked von der Jüdischen Heimatpartei, einen Völkermord und kollektive Bestrafung der Palästinenser in Gaza. „Sie sollten verschwinden, ebenso wie die physischen Unterkünfte, in denen sie die Schlangen aufgezogen haben, sonst werden noch mehr kleine Schlangen dort aufgezogen werden“, sagte sie. Leider repräsentiert das nicht nur die Haltung einer Minderheit rassistischer israelischer Politiker der äußersten Rechten wie Ayelet Shaked, Miri Regev, Mordechai Kedar, Moshe Feiglin...etc. Es ist eher ein Beispiel für die Politik der Mehrheit der Israelis (harter Falken oder sanfter Tauben), dass wir, eine Bevölkerung, die vor allem aus Kindern besteht, nichts als Schlangen sind.

Diese Strategie ist nicht neu. Wir erleben sie nicht erst in den letzten Monaten. Es ist eine lange Geschichte endloser Massaker, Jahrzehnte systematischer ethnischer Säuberungen, siebenundvierzig Jahre militärischer Besetzung, Apartheidpolitik und erzwungene Aussiedlung seit 1948, und all das setzt sich bis heute fort. Das hat nichts mit den Raketen der Hamas zu tun, mit „menschlichen Schutzschilden“ oder Tunnels. Es ging immer über Israels Kontrolle über unser Leben, unser Land und unsere Grenzen. Und es ging darum, mehr von uns zu töten. Doch das Massaker, der Genozid, Holocaust – nennt es, wie ihr wollt – von Gaza 2014 ist das Heftigste, das ich je mit eigenen Augen gesehen habe.

Die beobachtbaren Fakten, dass man willkürlich Zivilisten ins Visier nimmt und grausam abschlachtet, dass man ganze Siedlungen wie al-Shejaya, Khuza’a, Rafah massakriert und ihre Häuser ausradiert, sind ungeheuer schockierend. Mindestens 1 875 Palästinser/innen sind bis jetzt getötet worden, darunter mehr als 450 Kinder. Mehr als 9 567 weitere sind verletzt worden. Die Zahlen gehen in die Höhe, viele Verletzte sind in einem kritischen Zustand, und noch immer werden jeden Tag zahlreiche Leichen aus dem Schutt gezogen. Nach den Angaben des Euro-Mid-Beobachters für Menschenrechte ist jede Stunde seit dem Beginn dieser Belagerung ein Kind oder eine Frau getötet worden. Mehr als 70 000 Kinder sind gezwungen worden, ihre Häuser zu verlassen, die vollständig zerstört wurden oder größeren Schaden erlitten, was die Organisation „Rettet die Kinder“ veranlasste, die laufende Offensive einen „fortgesetzten Krieg gegen Kinder“ zu nennen.

Den Bomben zu entgehen ist leichter als auf den Trümmern zu laufen

Doch diese Fakten und Statistiken würden niemals die wahre Natur der wüsten Bedingungen hier aufdecken. Heute bin ich nach Khan Younis (Abssan und Khuza’a) und Rafah gefahren. Da alles im wörtlichen Sinne jenseits aller Beschreibung ist, würde ich gar nicht erst versuchen, in diesem Augenblick meine Gefühle auszudrücken. Ich würde lieber etwas erzählen von dem, was ich gesehen und gehört habe. Ich bemerkte, wie die Fotos sich von der Wirklichkeit unterscheiden. Ich bemerkte, dass es leichter ist, den Bomben zu entgehen als auf den Trümmern zu laufen.

Kinder durchwühlen die Trümmer nach ihren Kleidern und Büchern. Es ist schwierig oder besser unmöglich, irgendetwas zu finden oder auch nur zu sagen, dass hier ein Haus stand. Hat ein Erdbeben die Gegend verwüstet? Vielstöckige Häuser sind pulverisiert und dem Erdboden gleich. Alles ist in sehr kleine Stücke zerfallen. Kinder tragen Wasserkanister. Statt der Häuser sind da Löcher, die mehr als fünf Meter tief in die Erde gehen – ich hörte von drei Metern in den Nachrichten, aber das habe ich nicht gesehen. Ein Mann hält eine Siesta auf dem Schutt, der einmal sein Haus war. Eine Gruppe von Frauen spricht mit Vertretern der internationalen NGOs über die entsetzlichen Lebensumstände, die sie und ihre Familien erfahren, während sie Unterkunft in Regierungsschulen finden. Eine große Zahl von Häusern ist vollständig ausgebrannt – alles innen und außen ist vollständig schwarz. Schulen, Moscheen, Krankenhäuser und Kliniken werden von der Artillerie bombardiert. Olivenbäume sind entwurzelt und angepflanztes Gemüse ist tot, denn mehr als einen Monat lang hat niemand es bewässert. Alles sagt dir, dass diese Verwüstung durch Kriegsverbrecher begangen worden ist.

Man ist verblüfft und erschrocken über die (Un-)Menschlichkeit dieser Soldaten. Sie müssen ihre Menschlichkeit irgendwo anders gelassen haben, bevor sie in Gaza eingedrungen sind. Sie haben die meisten Häuser in Khuza’a betreten und die persönlichsten Habseligkeiten vollständig zerstört. Nachdem sie die Sachen im Innern zerstört haben, verließen sie die Häuser nicht durch die Türen. Sie schufen große Löcher in den Häuserwänden, um auf dieselbe Weise in das nächste Haus zu gelangen. Es gibt Zeichen von Zerstörung, verursacht mit den Händen und Gewehrkolben (Zerreißen von Papier, Zerschlagen von Computern... etc.). Es ist eine willkürliche und kristallklare Sabotage.

Um Ahmad leidet an Krebs. Sie wurde ins Haus ihres Vaters evakuiert, nachdem ihr Haus bombardiert worden war. Sie spricht über die Schwierigkeit, von den Israelis eine Erlaubnis zu erhalten, ein Krankenhaus auf dem Westufer des Jordans zu erreichen, und wie sie nicht nur ihr Haus verloren hat, sondern auch den Termin für eine dringende Behandlung. Wafaa, eine Witwe und Ernährerin ihrer Familie, kam von der Schule, in der sie geblieben war, und sah ihr zerstörtes Haus und ihre beschädigte Nähmaschine. “Ich wollte bloß mein Haus umarmen, bevor sie es zerstören. Ich habe gerade vor wenigen Tagen die Schulden für den Kauf der Nähmaschine bezahlt. Jetzt habe ich sogar meine Arbeit verloren“, sagt sie.

Die Möglichkeiten verschlechtern sich rasant

Während die Welt jetzt über einen „humanitären Waffenstillstand“ oder eine versprochene „Feuerpause“ spricht, sinkt Gaza noch immer ins Dunkle. Ich schreibe diese Worte, während Tariq, mein 10 Jahre alter Bruder, und Hanan, meine 16 Jahre alter Schwester, den Himmel von unserem Balkon aus durch äußerste Dunkelheit beobachten. Sie wetteifern miteinander, wer von ihnen zuerst die größte Zahl Drohnen ausfindig machen und zählen würde. „Nein, das ist keine Drohne, das ist ein Stern“, sagt Hanan immer. „Guck zu dem da drüben! Es hat ein orangenes Blinklicht“, bemerkt Tariq plötzlich.

Es ist der Mühe wert zu erwähnen, dass die heftigen und fortgesetzten Bombardierungen des einzigen Kraftwerks in Gaza, die durch eine begrenzte Verfügbarkeit von Treibstoff noch verschärft wurden, den Betrieb des Kraftwerks am 29. Juli vollständig zum Erliegen brachten. Das UNO-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) schätzt, dass Gaza gegenwärtig nur etwa 64 MW Strom aus Ägypten und Israel erhält, was weniger als 18 Prozent des geschätzten Bedarfs entspricht. Selbst wenn wir den Generator nutzen, um für etwa eine Stunde am Tag Elektrizität zu haben – ganz zu schweigen von der Mühe, um diesen Zustand zu erreichen – fühle ich mich psychologisch unruhig, verwirrt, überwältigt und verblüfft, weil ich nicht weiß, was am wichtigsten damit zu tun ist und wo ich anfangen sollte!

Gleichermaßen bezeichnend: Daten, die von den Gaza-Wasserwerken (CMWU) und der palästinensischen Wasserbehörde erhoben worden sind, zeigen eine signifikante Knappheit an Wasser und eine schmerzliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit der Bevölkerung von Gaza. Schätzungsweise funktionieren mehr als 80 Prozent der Wasserquellen in Gaza nicht, und etwa 1,2 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu Wasser und sanitären Anlagen. Die Entsalzungsanlage in Deir al-Balah, wo ich lebe, kann weiterhin nicht in Betrieb genommen werden, nachdem sie durch Luftschläge beschädigt wurde – das wichtigste alte Wasserreservoir in der Stadt, aus den 60-er Jahren, wurde zum Ziel gemacht und zerstört, was weiter die Verfügbarkeit des sehr benötigten Trinkwassers verringert hat.

Wir weigern uns, in einem fügsamen Ghetto zu leben

In dieser surrealen (Un)wirklichkeit entscheidet sich die offizielle Welt dafür, nicht hinzusehen und auf das internationale Recht zu vertrauen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz während der Offensive, als Netanyahu es ablehnte, das Feuer einzustellen, unterstützte der Generalsekretär der UNO, Ban Ki-Moon Israel mit den Worten: „Kein Land würde akzeptieren, dass Raketen auf sein Gebiet regnen. Alle Länder und Parteien haben eine Verpflichtung, ihre Bürger zu schützen.“ Nun, würde irgend ein Land auf der Erde jemals akzeptieren, brutal besetzt, rassistisch unterdrückt und diskriminiert und mehr als sechsundsechzig Jahre ethnisch gesäubert zu werden? Und warum gibt es keinen Schutz oder Verpflichtung, das internationale Recht und UNO-Resolutionen anzuwenden, wenn es um das palästinesische Volk geht? Es ist entweder Schweigen oder Ungerechtigkeit, was vorherrscht, wann immer solche offziellen Körperschaften über diesen Fleck auf der Erde sprechen.

Gegenwärtig erleben wir allerdings auch einen unerreichten Sinn für Solidarität und globale Unterstützung auf der Graswurzelebene für Gaza und Palästina im Allgemeinen – sicherlich echter als die angeblichen Anstrengungen, eine „Feuerpause“ zu erreichen und die seichten, beleidigenden Presseerklärungen internationaler offizeller Sprecher. Daher glauben wird, dass die Ereignisse in Gaza von 2009, 2012 und 2014 entscheidende Meilensteine markieren, um die Aktivitäten des BDS weltweit zu intensivieren, da die Anstrengungen der Kampagne in wachsendem Maße an Schwung gewinnen.

Da wir also heute die Erinnerung an die grausamben Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki vor siebzig Jahren begehen, drängen wir euch, Stellung zu nehmen und die neuen barbarischen Bombardierungen von Gaza zu beenden. Für all diejenigen, die Israel abgeschlachtet hat und wenn ihr euch wirklich um uns sorgt, unsere Kinder und eine bessere Zukunft, erreicht ein Waffenembargo, schließt euch BDS an und hört auf den Ruf von Gaza, indem ihr an diesem Samstag, 9. August, auf die Straßen geht, mit dem vereinten Ruf nach Sanktionen für Israel. Wir weigern uns, in einem unterwürfigen Ghetto zu leben. Wir weigern uns, still zu sterben. Ihr könnt euch ebenfalls entscheiden, nicht still zu sein und diesen Samstag zum Tag des Zorns für Gaza zu machen. Lasst uns immer daran denken und handeln.

Ayah Bashir ist Master für globale Politik an der London School of Economics and Political Science (LSE). Ihr erster Titel betraf englische Sprache und Literatur. Sie ist Mitglied des in Gaza beheimateten Organisationskomitees für Boykott, Enteignung und Sanktionen (BDS) gegen Israel.

Die in diesem Artikel ausgedrückten Sichtweisen sind diejenigen der Autorin und drücken nicht notwendigerweise die Herausgabepolitik von Middle East Eye aus.

Ursprünglich veröffentlicht in Middle East Eye.